11 April 2026

Frankfurter Rundschau (Germany)

Söders „gar nicht so“ Mini‑AKWs – Warum die Endlagerfrage auch in Bayern nicht gelöst wird

Sind sogenannte SMRs die Energietechnologie der Zukunft? Nein, sagt Alexander Wimmers von der TU Berlin. Im Gespräch erklärt er auch, wieso die Endlagerfrage sich nicht so einfach lösen lässt.
Source : Frankfurter Rundschau: Söders „gar nicht so“ Mini-AKWs – Warum die Endlagerfrage auch in Bayern nicht gelöst wird https://www.fr.de/wirtschaft/soeder-gar-nicht-so-mini-akws-warum-die-endlagerfrage-auch-in-bayern-nicht-geloest-wird-zr-94239899.html

von Nils Thomas Hinsberger • 28. März 2026

Frankfurt am Main – Die Zeichen stehen wieder auf Kernenergie. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) hat sich für die Rückkehr zur Atomenergie ausgesprochen und will entsprechende Förderungen seitens der EU auf den Weg bringen. Was vor allem als Gefallen für Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gilt, der weiter auf Strom aus Atommeilern setzt, kommt auch in Teilen Deutschlands gut an. Im Freistaat Bayern will Ministerpräsident Markus Söder sogar zum Vorreiter einer vermeintlich sauberen Energiequelle werden.

Dabei setzt der CSU-Chef auf zwei zentrale Techniken. Einerseits will er den ersten kommerziellen Kernfusionsreaktor der Welt bauen, was unter prominenten Wissenschaftlern sehr kritisch gesehen wird. Andererseits sollen sogenannte „Mini-AKWs“ – oder auch „Small Modular Reactors (SMRs)“ – vorangebracht werden. Doch dabei zeichnen sich eine Reihe von Problemen ab, erklärt Dr. Alexander Wimmers, Postdoc an der TU Berlin mit dem Schwerpunkt der politischen Ökonomik der Atomenergie, im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Allen voran sei „Mini-AKW“ ein irreführender Begriff. Denn entgegen dem, was die Bezeichnung verspricht, seien die Reaktoren „gar nicht so klein“, sondern entsprächen in ihrer Größe eher den Kernkraftwerken aus den „60er und 70er Jahren“.

„Ziemlich große Anlagen“, die es noch gar nicht gibt – Söders Kernkraftpläne stehen in der Kritik

„Ich würde erst mal gar nicht von Mini-AKWs sprechen, weil das so klingt, als würde man sich diese Anlagen im Baumarkt kaufen und dann in den Vorgarten stellen“, so Wimmers. SMRs seien sogar „ziemlich große Anlagen“, die mitunter eine Leistung von rund 300 Megawatt oder mehr aufweisen würden. Doch bei den Kraftwerken gibt es noch einen weiteren Haken: Es gibt sie schlicht noch nicht.

„Es gibt diese Reaktoren so in kommerzieller Form nicht, die meisten sind noch in relativ frühen Entwicklungsstadien oder Lizenzierungsverfahren“, erklärt Wimmers weiter. Derzeit gäbe es „in der westlichen Hemisphäre“ ein einziges Projekt, das im kanadischen Ontario angesiedelt sei. Dort sei ein SMR zumindest lizenziert worden. Dort beobachte man massive Kostenexplosionen, was den Bau der Anlage angeht. Wie der World Nuclear Industry Status Report berichtete, gehe man dort mittlerweile von Baukosten in Höhe von 21 Milliarden Dollar aus, statt der kalkulierten 7 Milliarden.

Entsprechend müssten viel Geld und Zeit in die Technologie gesteckt werden, bevor man mit Ergebnissen rechnen könne. Weil in Deutschland der Betrieb von AKWs über das Atomgesetz geregelt wird, müsse man hier im Bundestag erst einmal eine Gesetzesänderung erwirken.

Dann müsse man sich noch auf einen sicheren Reaktortyp einigen und schließlich einen Standort finden. „Wenn man jetzt sagt, man baut ein Kernkraftwerk, dann wird das vor Ort nicht unbedingt auf Begeisterung stoßen“, gibt der Experte zu bedenken. Diese Haltung beobachte man auchbeim Bau von anderer Energieinfrastruktur wie Windräder oder Stromtrassen. Gehe es um ein AKW, müsse man mit deutlich mehr Widerstand rechnen. Zu erwartemnde Klagen von Umweltschutzorganisationen würden das Vorhaben noch weiter verzögern.

Und was ist mit dem Atommüll? Bayerns Transmutationsplan entpuppt sich als Papiertiger

Eine der zentralsten Fragen, wenn es um den Bau und den Betrieb von Kernkraftwerken geht, ist die nach dem anfallenden Atommüll. Gegenüber der Boulevardzeitung Bild hatte Söder verkündet, die hochgefährlichen Abfälle durch ein sogenanntes Transmutationsverfahren verwerten zu wollen. Dabei sollen hochradioaktive Abfälle durch ein spezielles Verfahren in stabile, also nicht strahlende, Isotope und weniger radioaktiven Müll aufgespalten werden. Die Bundesbehörde für die Sicherheit nuklearer Entsorgung (BASE) schreibt dazu auf ihrer Webseite aber: „Bislang existiert keine industriereife Transmutations-Anlage.“ Bis ein funktionsfähiges Verfahren zustande kommt, könnte es aus Sicht eines von der BASE in Auftrag gegebenen Gutachtens noch einige Jahrzehnte dauern.

„Bei der Einschätzung des BASE würde ich mitgehen“, bestätigt Wimmers. Ein entscheidender Knackpunkt beim Transmutationsverfahren ist nämlich, dass dieser Prozess wiederum in eigens dafür vorgesehenen Reaktoren stattfinden müsste. „Das heißt, man müsste zur Entsorgung der radioaktiven Abfälle wieder neue Reaktoren bauen“, so der AKW-Experte. Und weil ein Kraftwerk nur eine begrenzte Zahl an Brennelemente pro Monat verarbeiten könnte, müsste man eine entsprechend größere Zahl dieser Anlagen bauen.

Modellrechnungen des BASE, durchgeführt von der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU), gehen davon aus, dass zur Beseitigung eines Großteils des deutschen Atommülls drei bis 23 dieser Anlagen zwischen 55 und 300 Jahren betrieben werden müssten – und das bezieht sich nur auf den bestehenden Atommüll. Kommt durch neue Anlagen weiterer radioaktiver Abfall hinzu, würde das die Betriebsdauer entsprechend verlängern. Hinzu komme, so Wimmers, dass einerseits die Radioaktivität des Mülls nicht vollständig beseitigt werden könne und bei dem Verfahren anderer, ebenfalls hochgiftiger Chemiemüll entstehen würde. Dieser müsse auch speziell gelagert werden.

Kernkraft in Deutschland: Die Endlagerfrage lässt sich nicht einfach verdrängen

Lässt sich die Endlagerfrage, wie Söder zuletzt behauptet hat, also durch Transmutation radioaktiver Abfälle lösen? „Technisch ist es klar, was man machen muss. Und da sind sich alle einig, dass ein tiefengeologisches Endlager gebaut werden müsste“, so Wimmers. Darüber herrsche weltweit Konsens. Die Herausforderung ist also, einen Standort für ein entsprechendes Endlager zu finden – vor allem, wenn in Deutschland wieder Kernkraftwerke gebaut werden sollen.

Stellt sich nur die Frage, wo das geschehen soll. Die bayerische Staatsregierung hat auf eine entsprechende Anfrage unserer Redaktion bislang nicht geantwortet. 2020 hatte sich Söder noch gegen ein Endlager in seinem Bundesland ausgesprochen. Dabei gäbe es in Bayern einige Standorte, an denen ein Endlager gebaut werden könnte. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung weist neben Orten in Norddeutschland auch im Freistaat Gebiete aus, die eine entsprechende geologische Voraussetzung zeigen würden.

Teuer, gefährlich und viel Müll: „Es gibt bereits heute Alternativen“

Wer in Deutschland neue Kernkraftwerke bauen will, steht vor großen Herausforderungen. Sei es die Suche nach einem geeigneten und vor allem sicheren Reaktortyp, hohe Baukosten, lange Verfahren oder die Herausforderung beim Atommüll. „‚Günstig, sauber, zuverlässig‘ – das können wir einfach noch nicht sagen“, moniert Wimmers mit Blick auf Aussagen von EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen zu „Small Modular Reactors“.

Hinzu komme, dass es bereits Technologien gäbe, die eine sichere und emissionsarme Energieversorgung gewährleisten würden. „Die da wären: Erneuerbare und Batterien.“ Gepaart mit einer konsequenten Elektrifizierung könne das echten Fortschritt sichern. „Die funktionieren, die sind da, die sind günstig“, so Wimmers.

(Quellen: BASE, Bild, Interview Dr. Alexander Wimmers, Bundesgesellschaft für Endlagerung, World Nuclear Industry Status Report)

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