10 February 2026

Die Presse (Austria)

15 Jahre nach Fukushima macht Japan den Salto zurück zur Atomkraft

Der elfte März 2011 hat sich tief ins kollektive Gedächtnis der Welt eingebrannt: Es ist kurz vor drei Uhr nachmittags, als ein Erdbeben vor der japanischen Küste einen gewaltigen Tsunami auslöst, der über das Küsten-AKW Fukushima Daiichi rollt und letztlich zur Kernschmelze in drei Reaktoren führen wird. 150.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, viele sind bis heute nicht zurückgekehrt.
Source : Die Presse: 15 Jahre nach Fukushima macht Japan den Salto zurück zur Atomkraft https://www.diepresse.com/20481749/15-jahre-nach-fukushima-macht-japan-den-salto-zurueck-zur-atomkraft

von Matthias Auer • 18. Januar 2026

Als Antwort auf die größte Nuklearkatastrophe seit Tschernobyl entschloss sich der Inselstaat, alle 54 Atomreaktoren vorerst zu schließen und eine „atomfreie“ Zukunft anzustreben. Auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel beschleunigte unter dem Eindruck von Fukushima den geplanten deutschen Ausstieg aus der Atomkraft. Alle Welt wollte plötzlich weg von der Atomenergie.

Heute, 15 Jahre nach dem Super-GAU, ist die Lage denkbar anders. Dreieinhalb Autostunden von Tokio entfernt, an der sandigen Küste des Japanischen Meeres, beendet Japan dieser Tage seinen nuklearen Winterschlaf. Am Dienstag darf mit Tepco erstmals der Betreiber des havarierten Daiichi-AKWs in Fukushima wieder ein Atomkraftwerk hochfahren. Und es ist nicht irgendeines. Das AKW Kashiwazaki-Kariwain derPräfektur Niigata ist das größte Kernkraftwerk weltweit. In wenigen Tagen soll Reaktor sechs wieder ans Netz gehen und fortan zwei Prozent des Stroms der japanischen Hauptstadt liefern.

Es ist nicht das erste Atomkraftwerk, das Japan seit Fukushima hochfährt. Die ersten Reaktoren kamen schon fünf Jahre nach dem Unglück wieder ans Netz. Doch Tepco musste bisher die Finger davon lassen. Auch in Summe ist der Großteil der alten AKW-Flotte immer noch außer Betrieb. Es ist Premierministerin Sanae Takaichi, die beim nuklearen Comeback aufs Tempo drückt. Schon in den vergangenen Monaten sind zwei Kernkraftwerke wiedereröffnet worden. Bis 2040 will sie den Anteil von Atomstrom im Land auf 20 Prozent verdoppeln, um so die teuren Kohle- und Gasimporte beenden zu können.

In der Bevölkerung stößt dieser Plan nicht nur auf Gegenliebe. Als das Regionalparlament der Präfektur Niigata, in der die Anlage liegt, grünes Licht für die teilweise Wiederinbetriebnahme gab, kämpften auf den Straßen Tausende aus Sorge um ihre Sicherheit und vor den hohen Kosten dagegen an. Tepco konnte das Vertrauen der Menschen nach der Katastrophe von Fukushima nie wieder zurückgewinnen. „Als das für den Unfall von Fukushima Daiichi verantwortliche Unternehmen werden wir die gewonnenen Erkenntnisse und Lehren anwenden“, antwortete Tepco-Chef Tomoaki Kobayakawa auf die Proteste. So soll etwa eine neu errichtete 15 Meter hohe Betonwand verhindern, dass eine erneute Tsunamiwelle das AKW an der Küste beschädigen kann. Alle Bedenken ausräumen konnte er damit nicht.

Doch nicht nur in Japan, auch im Rest der Welt steigt das Interesse der Regierungen und Unternehmen an Kernenergie merklich an. Die Internationale Energieagentur (IEA) vermeldete eben erst, dass 2025 so viel Atomstrom produziert wurde wie nie zuvor. Mehr als 40 Staaten wollten ihre Atomprogramme demnach ausbauen oder wieder einsteigen. Allen voran China, Russland und Indien. Die Tatsache, dass kein AKW ohne staatliche Subventionen läuft, könnte zugunsten von strategischen Überlegungen in Kauf genommen werden, heißt es. Auch in Deutschland sehnen manche angesichts der hohen Energiepreise die alten Meiler zurück. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche nahm im Vorjahr demonstrativ an einem Treffen der Nuklear-Allianz, einer Gruppe kernkraftfreundlicher EU-Staaten, teil. Und in den USA hoffen Technologiekonzerne auf kleine modulare Kernkraftwerke (SMR), um ihre Rechenzentren betreiben zu können. Doch der Weg vom Wunsch bis zum fertigen Atomkraftwerk ist weit und teuer. In den meisten Atomländern gibt es keine Neubauprojekte. Die wenigen, die es über die Ziellinie schaffen, bestechen durch überlange Bauzeiten und massive Kostenüberschreitungen. So kam das französische Kernkraftwerk Flamanville 3 zwölf Jahre später als geplant ans Netz und war siebenmal so teuer wie veranschlagt. Auch die gehypten Kleinreaktoren schaffen es bisher nicht auf den Markt. Weltweit haben Investoren 2025 zehnmal mehr in Erneuerbare als in Kernkraft gesteckt.

„Der Eindruck, dass es in den letzten Jahren aufwärtsgegangen ist, ist nur durch das chinesische Ausbauprogramm entstanden“, sagt Mycle Schneider, Autor des „World Nuclear Industry Reports 2025“. Mehr als die Hälfte aller neuen AKW lässt Peking errichten. Die Nuklearindustrie wächst. Aber eben nur in China. Im Rest der Welt halten sich AKW-Eröffnungen und -Stilllegungen die Waage.

Selbst Rafael Mariano Grossi, Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA), ist nur bedingt euphorisch. So erwartet er zwar, dass Deutschland zur Kernkraft zurückfinde. Aber in Zukunftsbereichen wie der Kernfusion oder bei Kleinreaktoren. Einen Meiler wie vor 40 Jahren werde das Land nicht bauen, sagt er. Große Kernkraftwerke seien in Deutschland einfach zu teuer.

Wenn ein Land AKW baut, dann aus strategischen Gründen. Ökonomisch rechnet sich kein einziger Atommeiler.

(Mehr...)