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Ausburger Allgemeine: Steht die Welt wirklich vor einer Renaissance der Atomkraft?
https://www.augsburger-allgemeine.de/wirtschaft/stimmt-es-dass-viele-laender-wieder-auf-atomkraft-setzen-114028579
von Michael Kerler • 24. April 2026
Besonders nachdrücklich hatte es EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen in den Raum gestellt. „In den letzten Jahren erleben wir eine weltweite Renaissance der Kernenergie“, sagte sie kürzlich bei einem Gipfel zur Atomkraft nahe Paris. „Und Europa will an dieser Renaissance teilhaben“, betonte die deutsche Politikerin. Tatsächlich ist angesichts hoher Energiekosten und der schwankenden Erzeugung von Strom mit Sonne und Wind auch in Deutschland neues Interesse an der Atomenergie entstanden. Genau 40 Jahre nach der Katastrophe in Tschernobyl und rund drei Jahre nach dem deutschen Atomausstieg fordert zum Beispiel auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder neue Reaktoren. Was aber ist wirklich dran an der vermeintlichen Renaissance der Atomenergie?
Weltweit spielt die Atomenergie nach wie vor eine wichtige Rolle: Im Jahr 2025 nutzten 31 Länder die Atomkraft. Das geht aus dem unabhängigen World Nuclear Industry Status Report hervor, der jährlich von einem Team rund um den Forscher Mycle Schneider in Paris erstellt wird. Insgesamt waren 408 Reaktoren in Betrieb. Es waren aber schon einmal mehr: Das bisherige Maximum gab es 2002 mit 438 Reaktoren.
Weltweit sind einige neue Reaktoren im Bau. Ob es allerdings so viele sind, dass von einer „Renaissance“ der Kernkraft gesprochen werden kann, daran hat Christian Kühn, Präsident des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), starke Zweifel: „Die Zahlen können eine Rückkehr der Kernkraft nicht belegen“, sagte er unserer Redaktion. „Dem World Nuclear Industry Status Report zufolge waren zu Beginn des Jahres 66 Reaktoren in elf Ländern im Bau.“ Davon befanden sich 36 in China. Auch Russland betreibe einige Bauprojekte, mehrere davon im Ausland. „In Europa und in den USA fehlen Bauprojekte für neue Reaktoren fast vollständig“, sagt Kühn. „Mit der Hochphase der Bautätigkeit in den 70er Jahren ist die heutige Situation nicht zu vergleichen, damals befanden sich über 200 Reaktoren gleichzeitig im Bau.“
In Europa hat Frankreich 2024 in Flamenville in der Normandie nach 17-jähriger Bauzeit einen Reaktor mit 1600 Megawatt Leistung ans Netz genommen. Kosten: 23,7 Milliarden Euro. In Großbritannien ist das AKW Hinkley Point C im Bau. Auch hier gibt es Verzögerungen und Preissteigerungen: Schätzungen gehen davon aus, dass Hinkley Point C am Ende auf mehr als 50 Milliarden Euro Kosten kommt.
Polen bereitet derzeit den Bau seines ersten Kernkraftwerks an der Ostsee vor. Die Ukraine kündigte aktuell einen Ausbau der Atomkraft an. Angesichts der Erfahrungen ist BASE-Chef Kühn allerdings skeptisch, dass Atomenergie wieder rasch eine größere Rolle in Europa spielen wird: „Ein kurzfristiges oder mittelfristiges Comeback der Atomkraft ist nicht realistisch“, sagt er. „Hier spielt auch eine große Rolle, dass die Bauzeiten der Reaktoren sehr lang sind. Auch die Planungsphase davor wird immer länger.“
Wie sieht es aber in Zukunft aus? Im Jahr 2023 hatten 22 Staaten eine Absichtserklärung unterzeichnet, dass sie die Atomkraft bis 2050 verdreifachen wollen. Bisher, sagt Kühn, stehen der Ankündigung aber kaum neue Projekte gegenüber: „Die Zahlen zeigen, dass zwischen den Ankündigungen und dem Ausbau der Kernkraft eine große Lücke klafft“, sagt er. „Eine Verdreifachung der Atomkraft bis 2050 erscheint nicht realistisch, stattdessen sehen wir global eher eine Stagnation bei der Kernkraft.“
Die erzeugte Energiemenge hat zwar 2025 mit 2666 Terawattstunden knapp ein neues Maximum erreicht. Der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung sei aber rückläufig: Lag er 1996 noch bei 17,5 Prozent, seien es aktuell noch neun Prozent. Erneuerbare Energien legten deutlich stärker zu.
Vielleicht liegt die Zukunft eher in kleinen Reaktoren, die in Serie hergestellt und damit günstig errichtet werden können? Dieses Konzept der „small modular reactors“ (SMR) wird derzeit stark diskutiert, auch Söder brachte sie ins Gespräch. Die Reaktoren könnten sogar mit Atommüll betrieben werden, sagte er.
Wenn, dann steht die Entwicklung aber noch am Anfang. „Kleine modulare Kernreaktoren sind bisher Konzeptreaktoren, die weltweit praktisch nicht realisiert worden sind“, sagt Kühn. Bisher gebe es erst einige Projekte in Spezialanwendungen. „Es ist auch fraglich, ob sich all die Vorstellungen einer Serienfertigung und einer günstigeren Energieerzeugung so realisieren lassen.“
Nicht vergessen dürfe man: „SMR sind letztlich auch Kernreaktoren, die radioaktive Abfälle produzieren und Risiken mit sich bringen“, sagt der BASE-Chef. „Es bräuchte für eine Wirtschaftlichkeit von SMR nach unseren Berechnungen mehrere tausend tatsächlich gebauter Reaktoren.“
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