30 January 2026

Handelsblatt (Germany)

Rückkehr der Atomkraft? Das sind die Perspektiven

Neue Zahlen zeigen zwar, dass weltweit mehr Meiler vom Netz gehen, als hinzukommen. Dafür ist die neue Generation aber leistungsstärker. Vor allem ein Land baut neue Kernkraftwerke.
Source : Handelsblatt: Rückkehr der Atomkraft? Das sind die Perspektiven https://www.handelsblatt.com/unternehmen/energie/energie-rueckkehr-der-atomkraft-das-sind-die-perspektiven/100190668.html

Kathrin Witsch • 21. January 2026

Düsseldorf. Im vergangenen Jahr sind weltweit vier neue Atomkraftwerke ans Netz gegangen, sieben wurden abgeschaltet. Trotzdem bleibt die installierte Erzeugungskapazität mit 369 Gigawatt (GW) stabil. Das zeigen neue Zahlen des „World Nuclear Industry Status Report“ (WNISR).

Der Report erscheint einmal im Jahr und wird unter anderem von der Heinrich-Böll-Stiftung, der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung in Auftrag gegeben.

Dass die Energieproduktion trotz schrumpfender Zahl der Anlagen nicht sinkt, hängt mit der Kapazität der neuen Meiler zusammen: Sie sind im Schnitt größer als ihre Vorgänger. „Die Nettobilanz für Inbetriebnahmen und Stilllegungen war mit etwas über 1,5 GW leicht positiv“, schreiben die Autoren des WNISR.

Angeführt wird die Liste der Länder mit den meisten Neubauprojekten seit Jahren von China. Mit 36 Projekten entfällt mehr als die Hälfte aller Bauvorhaben auf die Wirtschaftsmacht in Asien, danach folgen Russland, Indien, die Türkei und Ägypten. Insgesamt sind 63 Reaktoren im Bau. Ein Jahr zuvor waren es noch 58.

Kernenergie spaltet die Weltgemeinschaft nach wie vor. Während Länder wie Deutschland und Taiwan aus der Atomenergie ausgestiegen sind, diskutieren Regierungen in Italien, Japan und Schweden ihre Renaissance oder lassen alte Kraftwerke länger am Netz.

Grund ist der steigende Stromverbrauch in Kombination mit den Bemühungen um eine klimaneutralere Energieversorgung. Atomkraft gilt – anders als Kohle, Erdöl und Gas – als emissionsarme Energiequelle: Es entstehen deutlich weniger schädliche Klimagase.

Nach Schätzung von Experten verursacht ein Kernkraftwerk über den gesamten Lebenszyklus im Schnitt zwischen 70 und 180 Gramm CO2 pro Kilowattstunde Strom. Ein Kohlekraftwerk kommt dagegen laut der Entwicklungsorganisation Oxfam auf 940 Gramm CO2 pro Kilowattstunde.

Auch in Deutschland fordern Teile aus Politik und Wirtschaft immer wieder eine Rückkehr zur Kernkraft. „Wir kaufen Atomstrom aus Frankreich und Tschechien, lehnen aber Kernkraft bei uns ab“, kritisierte jüngst erst wieder Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“.

2011 hatte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Atomausstieg gemeinsam mit der schwarz-gelben Regierung beschlossen, nachdem eine Flutwelle vor der Küste Japans eine dreifache Kernschmelze im Kraftwerk Fukushima ausgelöst hatte.

Nach jahrelangen Verhandlungen, milliardenschweren Abfindungszahlungen an die Kraftwerksbetreiber und einer kurzzeitigen Verlängerung vor dem Hintergrund der Energiekrise im Winter 2022 gingen die letzten drei Meiler in Deutschland vor zwei Jahren endgültig vom Netz.

CSU-Politiker Söder fordert ein Umsteuern und bringt dabei eine neue Generation kleinerer, sicherer Reaktoren ins Spiel. „Es geht nicht darum, dass wie früher große Meiler hochgezogen werden. Ich spreche von kleineren, smarten Reaktoren, wie es sie in Kanada bereits gibt.“ Bislang ist weltweit allerdings noch kein Pilotprojekt mit „Small Modular Reactors“ (SMR) am Netz. Der Erfolg ist alles andere als sicher, und die Hürden sind hoch.

Viele Länder setzen deswegen immer noch auf die klassischen Atomkraftwerke. Allein Anfang 2026 sollen 13 neue Reaktoren in Betrieb genommen werden. So zumindest der Plan. Denn ein großes Problem sind die hohen Baukosten. Ein Atomkraftwerk ist immer in erster Linie ein politisches Projekt, keine wirtschaftliche Investition.

Bestes Beispiel ist die Anlage Flamanville in Frankreich. Das Kraftwerk sollte schon lange am Netz sein. Aber statt über die angekündigten fünf Jahre hat sich die Bauzeit über mehr als 17 Jahre gezogen. Und die Gesamtkosten sind von angekündigten vier Milliarden auf über 25 Milliarden Euro gestiegen.

Im Jahr 2025 kostet eine Megawattstunde (MWh) Strom aus Atomkraftwerken in den USA laut dem Beratungsunternehmen Lazard etwa 141 US-Dollar. Die Kosten für die Endlagerung der radioaktiven Abfälle sind dabei noch nicht eingepreist. Zum Vergleich: Wind und Solar, inklusive Speicher, liegen zwischen 37 und 70 Dollar die MWh.

Frankreich rühmt sich zwar seines günstigen Atomstroms, doch der Preis ist durch staatliche Subventionen künstlich gedeckelt. Zahlreiche Gutachten zeigen, dass die tatsächlichen Kosten um bis zu 75 Prozent höher liegen. Trotzdem will das Land seine Kraftwerke für insgesamt 100 Milliarden Euro auf längere Laufzeiten vorbereiten.

Anteil an der Stromerzeugung auf 40-Jahres-Tief

Kernenergie macht laut der Internationalen Energieagentur (IEA) etwas mehr als neun Prozent der weltweiten Stromversorgung aus – der Anteil ist damit so gering wie seit 40 Jahren nicht mehr. Das hat maßgeblich mit einer gegensätzlichen Dynamik zu tun, denn der Anteil erneuerbarer Energien am globalen Strommix wächst dynamisch.

Allein in China wurden in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres schätzungsweise 275 GW Solarkapazität installiert. Das sei „mehr als das Hundertfache der kombinierten Kapazität von 2,5 GW der beiden neuen Atomreaktoren, die in der gleichen Zeit an das chinesische Stromnetz angeschlossen wurden“, schreiben die Autoren des WNISR.

Weil die Erneuerbaren deutlich günstiger sind als Kohle-, Gas- oder Atomenergie, gelten sie mittlerweile als die am schnellsten wachsende Energiequelle. Wind und Solar liefern aber nur dann Strom, wenn der Wind weht und die Sonne scheint. Währenddessen produziert ein Kernkraftwerk rund um die Uhr Energie.

Der Ausbau der Kernkraft stütze sich allerdings stark auf chinesische und russische Technik und Ressourcen wie Uran, was das Risiko künftiger Abhängigkeiten beinhalte, heißt es im WNISR.

Auch deswegen lässt die wahre Renaissance der Atomkraft weiter auf sich warten. Die Nettoerzeugungskapazität ist zwar so hoch wie nie, liegt aber damit immer noch nur geringfügig über dem Niveau von 2006.

Die scheinbare Stabilität wird ausschließlich durch den massiven Ausbau in China aufrechterhalten. Außerhalb Chinas sank die nukleare Stromerzeugung seit 2006 um fast 14 Prozent, und die Anzahl der Reaktoren ging netto um 48 Einheiten zurück.

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