7 February 2022

Salzburger Nachrichten (Austria)

Renaissance der Atomkraft?

Was an der Vision dran ist. Warum die Wahrheit ernüchternd ist.

Von Martin Stricker
Am 22. Januar 2022

Die Atomkraft ist wieder auf. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und eine Gruppe osteuropäischer Länder schaffen es, Investitionen in Nuklearstrom auf EU-Ebene als nachhaltig, also: grün, deklarieren zu lassen. Polen will ein Atomkraftwerk bauen, Italien überlegt den Wiedereinstieg. Auch die Niederlande machen mit. Macron kündigt handliche Kleinreaktoren an. Es scheint, als würden Nuklearmeiler wie die Pilze aus dem Boden schießen.

Das ist falsch. Der Eindruck täuscht. Er habe „noch nie eine derart große Kluft zwischen industrieller Realität und öffentlicher Wahrnehmung erlebt“, sagt Mycle Schneider, Herausgeber des jährlichen World Nuclear Industry Status Report (WNISR) und einer der renommiertesten Branchenkenner.

Tatsächlich ist die nukleare Realität ernüchternd. In der EU ist seit Jahren keine einzige Atombaustelle eröffnet worden. Hinter all den Ankündigungen und Beteuerungen verbirgt sich – nichts. EU-Energiekommissarin Kadri Simson betonte im Dezember unter Hinweis auf Berechnungen ihrer Behörde, ohne „sofortige Investitionen“ in die Verlängerung der Laufzeiten müssten 90 Prozent aller europäischen Atommeiler bis 2030 vom Netz gehen. Der Grund: Altersschwäche.

Mehr als drei Jahrzehnte hat Europas Atomflotte im Schnitt auf dem Buckel. Ihr größter Teil steht in Frankreich. 56 der insgesamt 103 EU-Reaktoren sind unter Obhut der staatlichen Électricité de France (EdF). Das hoch verschuldete Unternehmen schätzt die Renovierungskosten seines Atomparks auf 100 Milliarden Euro. Die Ratingagenturen stufen EdF gerade noch nicht als „Junk“ ein, als Müll also.

Bis zu 17 französische Reaktoren waren im Dezember wegen Wartungsarbeiten und Pannen außer Betrieb. Vier große Meiler wurden erst vergangene Woche wegen schwerer Sicherheitsprobleme mit Schweißnähten vom Netz genommen. 2020 war jeder Atomblock im Durchschnitt knapp vier Monate lange lang abgeschaltet, konstatiert der WNISR.

Vor diesem Hintergrund erscheint die EU-Taxonomie als Verzweiflungsakt. Wie absurd sie ist, zeigt, dass selbst in Frankreich das nationale „Greenfin“-Siegel für grüne Investments den Nuklearsektor ausschließt. Und dass das französische Energiewendegesetz vorschreibt, den Anteil an Atomstrom bis 2050 von derzeit 75 Prozent auf 50 Prozent zu drücken.

Trotzdem soll das EU-Nachhaltigkeitssiegel nun privates Geld mobilisieren, und zwar auch zur Verlängerung der Laufzeiten. Allerdings müsste jeder Pensionsfonds, Versicherungskonzern oder Investmentfonds von allen guten Geistern verlassen sein, würde er nur einen Cent in Atom stecken. Die für ihre notorischen Bauzeitüberschreitungen und Kostenexplosionen bekannte Branche könne zwei entscheidende Fragen nicht beantworten, betont Experte Schneider: „Was wird ein Projekt kosten? Und wann bekomme ich mein Geld zurück?“ Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung meint trocken: Der Neubau eines exemplarischen AKW mit 1000 Megawatt Leistung führe zu durchschnittlichen Verlusten von rund fünf Milliarden Euro.

Das erklärt, warum 2020 weltweit 18,3 Milliarden Dollar in neue Nuklearmeiler flossen, aber 142 Milliarden in Windräder und 149 Milliarden in Solaranlagen. Laut Internationaler Energieagentur kostet eine Megawattstunde Atomstrom derzeit 65 Dollar und damit rund ein Drittel mehr als Strom aus Wind und Solar. Der Abstand wird weiter wachsen.

Geld für Atom gibt es nur von einer Gruppe, die üblicherweise nicht gefragt wird: den Steuerzahlern. Die britische Regierung etwa garantiert den Betreibern des in Bau befindlichen AKW Hinkley Point die Abnahme des Stroms auf 30 Jahre weit über dem Marktpreis.

Dass es in der EU mit großer Wahrscheinlichkeit keinen Neubau geben wird, erklärt Mycle Schneider vor allem mit der fehlenden Machbarkeit. Selbst wenn Staaten subventionieren sollten: Es gebe keine „industriellen Kapazitäten“. Der neue französische Reaktor des Typs EPR 2 existiert nur im Design. Sein Vorgänger ist eine Katastrophe: Das AKW Flamanville, Baustart 2004, kostet laut derzeitigen Schätzungen rund 13 Milliarden Euro und ist damit vier Mal so teuer wie geplant. Strom liefert es immer noch nicht. Der US-Anbieter Westinghouse ging 2018 pleite und spezialisiert sich seitdem auf Wartung. Das einzige Neubauprojekt leidet wie Südkoreas Referenzprojekt in den Vereinigten Emiraten an den üblichen nuklearen Krankheiten: Kostenexplosionen, Verzögerungen.

Und von den kleinen, modularen Reaktoren, die Macron ankündigt, fehlt überhaupt jede ernst zu nehmende Spur. Falls überhaupt, könnten sie frühestens in 15 Jahren als Protoypen stehen und klein werden sie auch nicht: Das weltweit einzige einigermaßen fortgeschrittene Projekt heißt NuScale und steckt in den USA in der Designphase fest. Fest steht, dass es zwölf Module zu je 77 Megawatt aufweisen soll – und damit beinahe die Größe eines gängigen AKW erreicht. Wer also sollte bis wann in Europa neue Reaktoren bauen? China und Russland? Mycle Schneiders Prognose: „Wir werden einen organischen Ausstieg aus der Atomenergie sehen.“