29 April 2026

nd (Germany)

Renaissance der Atomkraft? Welche Renaissance?

Unionspolitiker geißeln den angeblichen deutschen Sonderweg beim Atomausstieg. Die Zahlen zeigen aber: Einen nuklearen Aufschwung gibt es gar nicht
Source : Renaissance der Atomkraft? Welche Renaissance? https://www.nd-aktuell.de/artikel/1199276.tschernobyl-renaissance-der-atomkraft-welche-renaissance.html

Reimar Paul • 24. April 2026

Von einer »Renaissance der Kernenergie« reden sie, von einem »deutschen Sonderweg« und einem »strategischen Fehler« beim Ausstieg aus der Atomkraft. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Unions-Fraktionschef Jens Spahn, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und viele andere Politiker*innen von CDU und CSU wollen zurück zur Atomenergie – und verweisen dabei auf andere Länder.

Doch was ist dran am angeblichen Aufschwung der Kernkraft? Antworten gibt der »World Nuclear Industry Status Report 2025« (WNISR 2025). Dieser Bericht wird von einem internationalen Experten-Team um den Energie- und Atompolitikberater Mycle Schneider erarbeitet und liefert seit 2007 jährlich ein Update zum aktuellen Status der weltweiten Nuklearindustrie.

Der aktuelle Report widerspricht dem Narrativ einer globalen »Atom-Renaissance«. Während politische Ankündigungen zunehmen, zeigen die Daten eher eine Stagnation oder sogar einen Rückgang der Kernenergie. So sank die Zahl der betriebsbereiten Reaktoren um sieben auf 404, und mit dem Atomausstieg Taiwans im Mai 2025 ging die Zahl der Länder mit Atomkraftwerken auf 31 zurück.

Zwar erreichte die Stromerzeugung aus Kernkraft 2024 mit 2677 Terawattstunden einen neuen Rekord, gleichzeitig sank ihr Anteil am globalen Strommarkt auf neun Prozent. 1996 lag dieser Anteil noch bei 17,5 Prozent. Der leichte Zuwachs bei der Erzeugung stammt fast ausschließlich aus China. Außerhalb Chinas ist die Atomstromproduktion seit 2006 sogar um 14 Prozent zurückgegangen.

Dagegen steht der rasante Ausbau der erneuerbaren Energien. Während die Atomkraftkapazität global um etwa ein Gigawatt abnahm, wuchsen Solar- und Windkraft um rund 460 Gigawatt. Investitionen in Erneuerbare sind laut WNISR inzwischen über 20-mal höher als in Kernkraft. Die oft beworbenen Small Modular Reactors (SMR), gewissermaßen kleine Reaktoren von der Stange, sind im Übrigen weit weniger fortgeschritten als medial oft dargestellt und spielen für die aktuelle Stromversorgung noch gar keine Rolle.

Gleichzeitig hebt der Bericht hervor, dass AKW-Neubauten weiterhin durch extreme Kostensteigerungen und jahrzehntelange Verzögerungen geprägt sind. Als ein markantes Beispiel dient das Atomkraftwerk Flamanville-3 in Frankreich. Im Nachbarland als Vorzeigeprojekt für die »Renaissance« der Atomkraft gepriesen, entwickelte sich das Vorhaben zu einer Dauerbaustelle mit einer Vervielfachung der Kosten. Die ursprünglichen Ausgabenschätzungen beliefen sich auf 3,3 Milliarden Euro, inzwischen beziffert der französische Rechnungshof die Gesamtkosten auf 23,7 Milliarden Euro. Statt der geplanten fünf, dauerte der Bau 17 Jahre, bis der Reaktor Ende 2024 erstmals mit dem Stromnetz verbunden wurde.

Klar ist: Atomkraftprojekte binden enormes Kapital über sehr lange Zeiträume, was sie für private Investoren unattraktiv macht. Ein AKW amortisiert sich oft erst nach 40 Jahren. Im Vergleich dazu sind Wind- oder Solarparks innerhalb weniger Monate bis Jahre betriebsbereit und werfen Rendite ab. Dass ein AKW-Neubau nur mit massiven staatlichen Subventionen zu stemmen wäre, sieht auch Bundesumweltminister Carsten Schneider. »Wenn eine Risiko-Technologie nach einem dreiviertel Jahrhundert noch immer am staatlichen Tropf hängt und es längst bessere Alternativen gibt, sollte man daraus Konsequenzen ziehen«, sagt er. »Um nennenswert neue Reaktoren zu errichten, müsste sehr viel Geld in die Hand genommen werden, das dann an anderer Stelle fehlen würde.«

Schwierige Suche nach einem Endlager

Und dann ist da ja noch die Sache mit dem Atommüll. Durch den Betrieb der Atomkraftwerke sind in Deutschland alleine rund 28 000 Kubikmeter hochradioaktiver Atommüll angefallen. Er besteht aus den ausgedienten Brennelementen aus den AKW sowie aus in Glas eingeschmolzenen Rückständen der Wiederaufarbeitung. Obwohl die hochradioaktiven nur etwa fünf bis zehn Prozent des gesamten Volumens aller radioaktiven Abfälle in der Bundesrepublik ausmachen, enthalten sie mehr als 99 Prozent der Radioaktivität.

Zurzeit wird dieser Atommüll in 16 Zwischenlagern gebunkert. 13 dieser Lager befinden sich an den Standorten stillgelegter Atomkraftwerke. Die drei übrigen – Gorleben in Niedersachsen, Ahaus in Nordrhein-Westfalen und Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern – sind sogenannte zentrale Zwischenlager, sie nehmen die strahlenden Abfälle aus verschiedenen Kraftwerken auf. Wo und wann der hochradioaktive Atommüll dauerhaft gelagert wird, ist völlig unklar.

Mit der Suche nach einem Endlager ist die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) mit Sitz im niedersächsischen Peine beauftragt. Das Endlager soll mindestens 300 Meter unter der Erde liegen und von einer mindestens 100 Meter dicken Gesteinsschicht als Barriere umgeben sein. Als mögliche sogenannte Wirtsgesteine kommen Salzstöcke, Ton- und Granitformationen infrage. Die BGE hat in den vergangenen Jahren bereits große Gebiete von der weiteren Suche ausgeschlossen und zuletzt noch rund ein Viertel der Fläche Deutschlands als potenziell geeignet bezeichnet.

Der jahrzehntelang als einziger Standort untersuchte Salzstock in Gorleben war schon 2020 aus dem Verfahren ausgeschieden – wegen geologischer Mängel, auf die Kritiker schon davor immer wieder hingewiesen hatten: Das Gestein über dem Salzstock weist keine ausreichende Stärke auf, um das Austreten von Radioaktivität über den geforderten Zeitraum von einer Million Jahren sicher zu verhindern. Außerdem gibt es Hinweise, dass Grundwasser mit dem Salzstock – und so mit den eingelagerten Abfällen – in Verbindung treten könnte.

Das 2013 verabschiedete und 2017 novellierte Standortauswahlgesetz schreibt fest, dass der Standort für das Endlager bis 2031 gefunden und benannt sein soll. Dabei zeichnet sich längst ab, dass die Standortsuche deutlich länger dauert. In mehreren Gutachten und Stellungnahmen ist von einer Entscheidung erst in den 2050er, 2060er oder sogar 2070er Jahren die Rede. Bis ein Endlager nach der Benennung eines Standortes gebaut und befüllt wird, werden weitere Jahrzehnte ins Land gehen. Mit seinen ungelösten Atommüllproblemen steht Deutschland nicht alleine da. Aktuell ist weltweit kein Endlage

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