22 January 2022

Süddeutsche Zeitung (Germany)

Mit Volldampf zurück

Während Deutschland aus der Atomkraft aussteigt, bauen Frankreich und die Niederlande neue Reaktoren – als Beitrag zum Klimaschutz. Erlebt die nukleare Stromerzeugung gerade eine globale Renaissance? Erster Teil einer SZ-Serie.
Source : Süddeutsche Zeitung: Mit Volldampf zurück https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/atomkraft-mit-volldampf-zurueck-e192011/?reduced=true

von Michael Bauchmüller und Thomas Kirchner
Veröffentlicht am 21. Dezember 2021

Für Silvester ist Nikolaus Valerius in diesem Jahr schon verplant: Er ist im Kernkraftwerk. „Das gehört sich so“, sagt er. „Den letzten Tag verbringen wir zusammen.“ Am 31. Dezember nämlich läuft nach 37 Jahren die Zeit ab für das RWE-Kraftwerk Gundremmingen C.

„Und dann schalten wir zusammen ab“, sagt Valerius, der Chef der Kernkraftsparte von RWE. Dann fahren die Systeme runter im Kraftwerk, die Kernspaltung endet für immer - so wie in zwei weiteren deutschen Atomkraftwerken auch: Am 31. Dezember wird die Hälfte der verbliebenen sechs AKWs abgeschaltet, die anderen drei folgen 2022. „Das Kapitel ist dann abgeschlossen“, sagt Valerius. „Übrigens auch aus wirtschaftlichen Gründen.“ Erneuerbare Energien seien in Europa inzwischen vielversprechender und profitabler.

Verrückte Dinge geschehen in der Mitte Europas. In Deutschland bereiten Stromkonzerne wie RWE, EnBW oder die Eon-Tochter Preussen Elektra das Ende ihrer Reaktoren vor - so will es der 2011 vereinbarte Atomausstieg -, und die neue Bundesregierung schickt sich an, in den nächsten Jahren Tausende Windräder zur See und an Land zu errichten, plus Solarzellen auf jedem möglichen Dach. Beim Nachbarn Frankreich dagegen nennt Staatspräsident Emmanuel Macron die Atomkraft einen „Glücksfall“ und verspricht den Neubau von weiteren Reaktoren. Schon jetzt stammen etwa 67 Prozent des französischen Stroms aus den 56 Atomkraftwerken. In Deutschland kommen derzeit 42 Prozent des Stroms aus grünen Quellen.

Zwei Philosophien, ein Ziel: eine kohlenstoffneutrale Wirtschaft bis zur Mitte des Jahrhunderts. Deutschland setzt ganz auf den Siegeszug erneuerbarer Energien, die seit Jahren weltweit von Rekord zu Rekord eilen. So wie Frankreich aber wollen auch andere Länder nicht auf Atomkraft verzichten: Finnland etwa, oder Großbritannien. Dazu Mächte wie die USA, China, Russland. Auch Polen liebäugelt mit Reaktoren, und die neue niederländische Koalition will gleich zwei davon bauen und die Laufzeit des bisher einzigen Reaktors, Borssele, verlängern - als Beitrag zum Klimaschutz.

Beides, Ökostrom und Nuklearenergie, ist weitgehend CO₂-neutral - sieht man mal von den Emissionen im Uranbergbau ab. Um aber Frankreichs Klimaziele zu erreichen und gleichzeitig die Energieversorgung zu garantieren, so ergab Ende Oktober eine Studie des Netzbetreibers RTE, führe kaum ein Weg an neuen Atomkraftwerken vorbei. Ein Strommix, der allein auf Erneuerbare wie Wind und Sonne setze, sei die deutlich teurere Variante.

In Deutschland dagegen rechnet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung vor, dass trotz Atomausstieg „Versorgungssicherheit auch noch in den 2030er-Jahren bei einem entsprechenden Ausbau der Erneuerbaren gewährleistet ist“. Wer ist hier auf dem Holzweg?

Ottmar Edenhofer ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, ein nüchterner, pragmatischer Ökonom. „Zu glauben, die Kernkraft könne die Probleme lösen, ist eine Illusion“, sagt er. Es gebe vier fundamentale offene Fragen, von der Verfügbarkeit des Urans über die Sicherheit des Betriebs bis zur Endlagerung, und der Gefahr, dass spaltbares Material in die falschen Hände gelangt. Daran änderten auch neue Technologien nichts, wie etwa die „kleinen modularen Reaktoren“, auf die selbst Macron nun setzt: Kleinreaktoren, die sich quasi serienmäßig herstellen lassen, zum Export in alle Welt.

„Eine neue Generation von Nuklearanlagen müsste alle vier Probleme lösen“, sagt Edenhofer. Das sei nicht erkennbar. Insgesamt sei die ganze Debatte sehr stark politisch motiviert. „Die imaginären Gelbwestler bestimmen alles.“

Tatsächlich spielt in Frankreich derzeit die Innenpolitik in der Atomdebatte eine große Rolle. Im Frühjahr wird ein neuer Präsident gewählt. Macrons wichtigste Konkurrenten auf der Rechten - Valérie Pécresse, Marine Le Pen, Éric Zemmour - haben sich vehement für neue Reaktoren ausgesprochen - und gegen die in Frankreich unbeliebte Windkraft. Die vorzeitige Entscheidung Macrons Anfang November für eine Renaissance der Atomkraft und vermutlich sechs neue Meiler ist auch ein Versuch, sich im bevorstehenden Wahlkampf keine Blöße zu geben. Ursprünglich hatte sich Macron erst 2023 festlegen wollen.

Jenseits politischer Taktik hat le nucléaire in Frankreich jedoch eine ganz andere Bedeutung als in Deutschland, historisch und psychologisch. Die Atomkraft sei „Teil der nationalen Erzählung, der nationalen Größe, der Identität“, sagt die Technik-Soziologin Sezin Topçu vom Centre national de la recherche scientifique. „Das schafft eine gewisse Abhängigkeit.“

Denn es war vor allem die zivile wie auch die militärische Nutzung der Kernkraft, die es dem gedemütigten Land nach 1945 ermöglichten, einen Teil der verlorenen gloire zurückzugewinnen.

Frankreich beschloss, den gesamten Zyklus der nuklearen Produktion in die eigene Hand zu nehmen, vom Uranabbau über die Wiederaufbereitung bis hin zur Entwicklung von Reaktoren. Der Staat ist intensiv engagiert, er hat das Sagen beim Energiekonzern EDF, der alle Reaktoren betreibt. „Das alles erschwert es den politischen Anführern enorm, Nuklearenergie auch nur infrage zu stellen“, sagt Topçu. Der überwiegende Teil der Elite sehe dazu ohnehin keinen Anlass.

Daran konnte auch der 11. März 2011 nicht viel ändern. Ein Seebeben im Pazifik löste einen Tsunami aus, der nicht nur Teile der japanischen Pazifikküste verwüstete, sondern auch die Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima Dai-ichi überflutete. In drei Blöcken des japanischen AKWs kam es zur Kernschmelze. Weltweit erschütterte dieser Super-GAU das Vertrauen in die Reaktorsicherheit, in Deutschland wurden eben erst verlängerte Atom-Laufzeiten quasi über Nacht wieder verkürzt, andere Länder legten ihre Ausbaupläne auf Eis. Immer wieder war zuvor eine Renaissance der Atomkraft beschworen worden. Mit Fukushima aber schien ihr Ende besiegelt.

In Frankreich schlug Macrons Vorgänger François Hollande 2015 vor, den Anteil der Atomkraft bis 2025 auf 50 Prozent zu senken. Doch Macron, der zunächst Sympathien für eine Energiewende wie in Deutschland geäußert hatte, verschob das 50-Prozent-Ziel um zehn Jahre, er verfügte eine Verlängerung der Reaktoren-Laufzeiten auf 50 Jahre und nannte die Atomkraft schon vor einem Jahr einen „Trumpf“. Die Überschrift seiner Rede vor Mitarbeitern der Atomindustrie war Programm: „Unsere energiepolitische und ökologische Zukunft liegt in der Kernenergie.“ In Zeiten hoher Gaspreise verspricht sie obendrein Unabhängigkeit. Eine Mehrheit der Franzosen sieht das genauso.

Für die Atombranche käme der Bau neuer Reaktoren gerade noch rechtzeitig. Sie hatte gewarnt, ihre Kompetenz drohe verloren zu gehen. Es müssten nun unbedingt neue Kernkraftwerke gebaut werden, in Frankreich wie in Europa, sagte EDF-Chef Jean-Bernard Lévy 2018 im Parlament, das sei „wie bei einem Fahrradfahrer, der, um nicht umzufallen, immer weitertreten muss“.

Allerdings muss die Branche schon jetzt ziemlich strampeln. Denn wo in Europa neu gebaut wird, im finnischen Olkiluoto, im britischen Hinkley Point oder in Frankreichs Flamanville, da laufen die Projekte allen Zeit- und Kostenplänen hinterher.

In Flamanville haben sich Bauzeit und Kosten mehr als verdreifacht. Hinkley Point C hat sich um mehr als eine halbe Milliarde Euro verteuert, und wenn im kommenden Sommer tatsächlich Block drei des finnischen Kraftwerks Olkiluoto fertig wird, dann wird das 13 Jahre nach dem eigentlich geplanten Datum der Fertigstellung sein. Für eine schnelle Antwort auf die Klimakrise könnte die Kernkraft etwas zu spät und obendrein sehr teuer kommen.

Zumal weltweit von einer großen Renaissance der Atomkraft nichts zu spüren ist. Weil der Strombedarf weltweit stieg, sank der Anteil des Atomstroms von 17,5 Prozent im Jahr 1996 auf zuletzt gut zehn Prozent - der Anteil am gesamten Energiebedarf ist noch viel geringer. „Schon, um diesen Anteil zu halten, müssten massiv neue Kernkraftwerke zugebaut werden“, sagt Klimaökonom Edenhofer.

Derzeit gibt es weltweit 442 Reaktoren, kaum mehr als zu Beginn des Jahrtausends. Auch die Stromproduktion hat sich in den vergangenen 20 Jahren kaum verändert. In Bau sind nach Daten des World Nuclear Industry Status Report nur 53 Reaktoren, davon 18 allein in China - während andere an die Altersgrenze stoßen. Denn im Schnitt ist die Flotte 31 Jahre alt. Mehr als jeder fünfte ist älter als 40 Jahre.

Kostenexplosionen, Bauverzögerungen: Das alles beobachten sie auch bei RWE, einst einer der größten Atomstrom-Konzerne Europas. „Wir sind schon stolz darauf, was wir geleistet haben“, sagt Kraftwerks-Vorstand Valerius. Alleine die Blöcke in Gundremmingen hätten, rein rechnerisch, zehn Jahre lang die Stromversorgung Bayerns gedeckt. Aber damit habe es sich nun auch. In Gundremmingen bereitet der Essener Konzern nun die nächste Stufe vor: die Rückgewinnung der Wertstoffe. Was man aus den wiederverwertbaren, freigemessenen Materialien eines Reaktors so alles machen könne, sagt Valerius, das sei schon gewaltig.

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