26 February 2024

Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit - GRS (Germany)

Kernenergie weltweit 2024

Was hat sich letztes Jahr im Bereich der Kernenergie getan? Welche Entwicklungen lassen sich international beobachten? In der nachfolgenden Übersicht wird die Situation gegliedert nach Kontinenten (Europa, Amerika, Asien und Afrika) dargestellt. Australien/Ozeanien ist nicht berücksichtigt, da dort keine Kernkraftwerke (KKW) betrieben werden. Nach einer kurzen Zusammenfassung werden für jeden Kontinent diejenigen Staaten vorgestellt, die entweder Reaktoren betreiben oder die hinreichend konkret den Einstieg planen beziehungsweise bereits KKW bauen.
Source : GRS: Kernenergie weltweit 2024 https://www.grs.de/de/aktuelles/kernenergie-weltweit-2024

Weltweit werden unterschiedliche Wege hinsichtlich der Nutzung der Kernenergie zur Stromerzeugung eingeschlagen. Dabei lassen sich grob drei Gruppen unterscheiden: Während die einen den kurz- oder mittelfristigen Ausstieg aus der Kernenergie anstreben, verlängern andere die Laufzeiten von Kernkraftwerken (KKW), wieder andere planen Neubauten und setzen teilweise zusätzlich auf Laufzeitverlängerungen.

Dabei werden unter anderem folgende Argumente ins Feld geführt: So berufen sich Befürworter etwa auf die Zuverlässigkeit, mit der Strom aus Kernenergie geliefert wird, oder verweisen auf die vergleichsweise niedrige CO2-Bilanz während des Betriebs, die im Kampf gegen den Klimawandel als Pluspunkt angesehen wird. Gegner verweisen beispielsweise auf das Unfallrisiko, den mit der Entsorgung der radioaktiven Abfälle verbundenen Aufwand oder die vergleichsweise hohen Kosten und langen Bauzeiten für die Errichtung der Anlagen.

Dieses Dossier bietet einen Überblick über die Kernenergie weltweit. Einmal jährlich wird es aktualisiert und auf der Webseite der GRS veröffentlicht.

Lage weltweit

Übersicht weltweit (Fossile: Kohle, Erdgas, Öl; Erneuerbare: Wasser, Wind, Solar PV, Solar Thermal, Geothermie, Tide, Biokraftstoff)
©GRS

Weltweit sind nach Angaben des Power Reactor Information System (PRIS) der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) zurzeit 413 Kernreaktoren mit einem Durchschnittsalter von rund 32 Jahren in Betrieb. 2023 sind insgesamt sechs neue Reaktorblöcke ans Netz angeschlossen worden, zusätzlich sind zwei japanische Blöcke, die seit 2011 (Reaktorkatastrophe in Fukushima) abgeschaltet waren, wieder hochgefahren worden. Demgegenüber stehen fünf stillgelegte Einheiten, drei davon sind die letzten deutschen Anlagen Emsland, Isar-2 und Neckarwestheim-2.

Neben den laufenden Reaktoren gibt es in PRIS noch 25 weitere, die im Modus „Suspended Operation“ laufen. Dabei handelt es sich um Reaktoren, die langfristig heruntergefahren, aber noch nicht endgültig stillgelegt worden sind. 21 dieser „Long-Term-Outage-Reaktoren“ stehen in Japan, die übrigen vier in Indien. Aus der Tatsache, dass einige dieser „Long-Term-Outage-Reaktoren“ letztes Jahr von den jeweiligen Ländern noch als „in operation“ aufgeführt worden waren, erklärt sich der Unterschied zu der Anzahl Reaktoren sowie der installierten Nettoleistung aus dem Vorjahr: Obwohl eigentlich drei Reaktoren mehr laufen, werden hier neun Reaktoren weniger aufgeführt. Dementsprechend sank die installierte Nettoleistung um 6.804 auf 371.510 MWe.

Zu den PRIS-Zahlen ist zusätzlich anzumerken, dass die jeweiligen IAEO-Länder ihre Daten selbst in die Datenbank eintragen. Hierbei kommt es regelmäßig zu Verzögerungen. So ist Kursk-II Betreiberangaben zufolge bereits seit Ende Januar abgeschaltet, wird in PRIS aber noch als „operational“ aufgeführt. Die Zahlen zum Durchschnittsalter in diesem Text ergeben sich ab dem Tag des kommerziellen Leistungsbetriebs und geben den Stand Januar 2024 aus dem „World Nuclear Industry Status Report“ (WNISR) wieder.

Während die absolute Menge des weltweit in Kernkraftwerken erzeugten Stroms im Betrachtungszeitraum im Wesentlichen unverändert geblieben ist, ist ihr relativer Anteil am weltweiten Strommix in 2022 erstmals seit rund 40 Jahren unter die 10-Prozent-Marke gesunken (der Höchstwert lag bei 17,5 Prozent in 1996).

Dies liegt zum einen darin begründet, dass stetig mehr Strom durch Erneuerbare Energien erzeugt wird; zum anderen hat auch die Stromerzeugung auf Basis fossiler Energieträger gegenüber den vorangegangenen Jahren und Jahrzehnten deutlich zugenommen.

Die Zahlen in diesem Text bezüglich des Strommixes weltweit und für die jeweiligen Kontinente sind von der Internationalen Energieagentur IEA übernommen und geben den Stand 2021 wieder; die Zahlen bezüglich der Stromerzeugung der einzelnen Länder entstammen dem aktuellen WNISR und weisen den Stand 2022 auf.

Abbildung 2: Anzahl in Betrieb genommener (blau) und abgeschalteter Reaktoren (braun) weltweit

Beim Blick auf die sich stetig verändernde weltweite Reaktorlandschaft lassen sich folgende Trends erkennen: Die meisten neuen Reaktorblöcke werden in Asien gebaut.

Die meisten im Rückbau befindlichen Reaktoren sind hingegen in Westeuropa und Nordamerika zu finden. Entsprechend ist das Durchschnittsalter der Reaktoren in Asien vergleichsweise niedrig.

Neue Reaktorblöcke haben zudem durchschnittlich eine größere Leistung als die der stillgelegten, sodass trotz eines zahlenmäßigen Rückgangs an Reaktorblöcken die installierte Leistung steigen kann. Eine Ausnahme bilden die sogenannten Small Modular Reactors (SMR): Die KKW im Miniformat sollen bei der mittelfristigen Planung einer CO2-armen, dezentralen Stromproduktion in einer Reihe von Ländern eine wichtige Rolle spielen.

[Anmerkung: Die Russische Föderation fällt bei der IEA seit 2022 gemeinsam mit den zentralasiatischen Republiken, Aserbaidschan und Georgien unter die neue Rubrik Eurasien. Die Zahlen zum europäischen Strommix sind daher ohne die Werte der genannten Länder, die stattdessen für Asien berücksichtigt sind. Was die Anzahl der Reaktoren angeht, folgen wir der Systematik der IAEO, welche Russland zu Europa zählt.]

Europa

© GRS

In Europa lag der Anteil der Kernenergie an der Stromproduktion im Jahr 2021 bei ca. 21 Prozent der Gesamtstromerzeugung. Insgesamt sind in Europa 168 Reaktoren in Betrieb, das Durchschnittsalter beträgt 35,6 Jahre. 13 Reaktoren werden zurzeit gebaut, 128 befinden sich im Rückbau. Deutschland

Deutschland ist 2023 endgültig aus der Nutzung der Kernenergie zur Stromerzeugung ausgestiegen: Am 15. April wurden die letzten drei Kernkraftwerke Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim II abgeschaltet.

Doch KKW sind nicht die einzigen Nuklearanlagen in Deutschland. So dürfen die sechs zurzeit laufenden Forschungsreaktoren weiter betrieben werden. Gleiches gilt für die sogenannten Anlagen der nuklearen Ver- und Entsorgung. Dazu zählen neben den Zwischen- und (zukünftigen) Endlagern für radioaktive Abfälle die Brennelement-Fertigungsanlage in Lingen und die Urananreicherungsanlage in Gronau.

Westeuropa Den weltweit größten prozentualen Anteil am Strommix stellt die Kernenergie in Frankreich. 2022 waren es 63 Prozent. Zudem steht Frankreich mit 56 Reaktoren auch in dieser Hinsicht europaweit an der Spitze. Der letzte Reaktor ging jedoch bereits 1999 ans Netz, das Durchschnittsalter beträgt 38,6 Jahre. Im KKW Flamanville wird zurzeit ein neuer Block gebaut. Das Bauvorhaben begann 2007, ursprünglich war eine Fertigstellung bis 2012 geplant. Der Zeitplan wurde jedoch mehrfach verlängert, die Kosten haben sich seitdem vervielfacht, zuletzt von 12,7 auf 13,2 Milliarden Euro (ursprünglich waren 3,3 Milliarden Euro prognostiziert worden). Trotzdem soll Kernenergie bei den Klimaschutzplänen Frankreichs weiterhin eine wichtige Rolle einnehmen: Der Energieplan Frankreichs sieht neben dem Ausbau der Erneuerbaren Energien auch eine Verlängerung der Laufzeiten bestehender KKW und den Neubau von sechs EPR-2-Reaktoren an bereits existierenden Standorten (Penly, Gravelines und Bugey) vor. Die Umsetzung acht zusätzlicher Neubauten vom Typ EPR-2 wird seit Anfang 2024 geprüft. Mit NUWARD soll 2030 zudem der Bau eines SMR-Prototyps starten.

Auch das Vereinigte Königreich setzt nach wie vor auf Kernenergie – rund 14 Prozent des dort produzierten Stroms kommen derzeit aus KKW. Aktuell werden neun Reaktorblöcke betrieben, 36 Reaktorblöcke befinden sich im Rückbau. Die britische Regierung verfolgt seit Längerem die Errichtung neuer KKW. Aktuell sind zwei neue EPR-Reaktoren im Bau (Hinkley Point C-1 und -2), zwei weitere EPR-Reaktoren sind für den Standort Sizewell C geplant – vorbereitende Arbeiten haben bereits begonnen. In 2020 wurde der Bau neuer KKW als Teil eines Zehn-Punkte-Plans einer „Grünen industriellen Revolution“ festgelegt. Aufbauend auf dem Ende März 2023 veröffentlichten Strategiepapier „Powering Up Britain“ hat die britische Regierung im Januar 2024 die „Civil Nuclear Roadmap“ veröffentlicht, die einen Ausbau der nuklearen Erzeugungskapazität auf bis zu 24 Gigawatt (GW) bis zum Jahr 2050 zum Ziel erklärt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die acht AGR-Blöcke (ca. 4,8 GW) aufgrund fortgeschrittener Alterungseffekte im Graphitmoderator bis Ende dieses Jahrzehnts endgültig abgeschaltet werden müssen. Die installierte Kapazität von derzeit rund 6,5 GW wird dann deutlich abfallen, da sich die 3,2 GW aus dem Neubau von Hinkley Point C verspäten. Aus diesem Grund werden derzeit die Möglichkeiten für eine befristete Verlängerung der AGR-Blöcke geprüft. Neben der Errichtung großer KKW fördert die Regierung auch die Entwicklung und den zukünftigen Einsatz von SMR im UK.

Daneben ist vor allem Belgien hervorzuheben: Hier laufen aktuell noch fünf Reaktoren, 2022 deckte die Kernkraft 46,4 Prozent des Strombedarfs. Allerdings wurde Doel 3 im September 2022 abgeschaltet, Tihange 2 folgte im Februar 2023. Drei weitere Reaktoren sollen nach jeweils 50 Jahren Betriebslaufzeit im Jahr 2025 endgültig abgeschaltet werden. Die beiden jüngsten Blöcke Doel 4 und Tihange 3 sollen jedoch bis Ende 2036 weiterbetrieben werden – eine entsprechende Vereinbarung zwischen der belgischen Regierung und dem Betreiber Engie Electrabel wurde im Juni 2023 geschlossen. Pläne für neue Reaktoren existieren in Belgien nicht, allerdings sollen 100 Millionen Euro in Forschungs- und Entwicklungsarbeiten für SMR investiert werden.

In den benachbarten Niederlanden sollen laut neuem Koalitionsvertrag zusätzlich zu dem in Borssele betriebenen Reaktorblock zwei neue KKW gebaut werden; die Regierung stellt dazu 5 Milliarden Euro bereit. Für die Inbetriebnahme der neuen Blöcke wird das Jahr 2035 anvisiert. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die neuen Blöcke am Standort des derzeitigen KKW Borssele errichtet, dessen Laufzeit über 60 Jahre hinaus verlängert werden soll.

Der skandinavische Nachbar Schweden betreibt insgesamt sechs Reaktoren, die gemeinsam etwa 30 Prozent der landesweiten Stromerzeugung abdecken. Die schwedische Regierung hat 2023 einen Kernenergiefahrplan verabschiedet, der den Neubau von zwei (bis 2033) und weiteren zehn (bis 2045) konventionellen Reaktoren und SMR vorsieht.

Große Ausbauaktivitäten lassen sich in Westeuropa insgesamt nicht ausmachen. Neben Frankreich und Großbritannien, die derzeit bauen, lässt sich hier lediglich Finnland nennen: Olkiluoto-3 war im Frühjahr 2023 der erste Reaktor seit 2002, der in Westeuropa ans Netz ging. Das Durchschnittsalter der finnischen Reaktoren liegt bei 36,2 Jahren, die 35 Prozent Anteil der Kernenergie am Strommix aus 2022 sind mit Olkiluoto-3 noch nach oben gegangen. Die Regierung hat zudem angekündigt, die Laufzeit der WWER-440-Blöcke von 50 auf 70 Jahre zu verlängern. Vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges wurde das bereits begonnene Neubauprojekt eines russischen WWER-1200 am Standort Hanhikivi eingestellt.

Alle laufenden Neubauprojekte in Westeuropa haben gemeinsam, dass sich die ursprünglich kalkulierten Kosten und Bauzeiten massiv erhöht haben.

Den Ausstieg aus der Kernenergie geplant haben – neben Belgien – derzeit die Schweiz und Spanien: Die vier Reaktoren in der Schweiz (Anteil am Strommix 36,4 Prozent) dürfen bis zu ihrem altersbedingten Ende laufen, aber nicht durch neue ersetzt werden. Ein Datum für die Abschaltung gibt es in der Schweiz nicht. Die sieben spanischen Reaktoren sollen bis 2035 sukzessive vom Netz genommen werden, die erste Abschaltung ist für 2027 geplant (Almaraz 1).

Mittel- und Osteuropa

2022 produzierten die 15 Reaktoren in der Ukraine 55 Prozent der Gesamtstrommenge. Trotz der Kriegssituation und damit verbundener sicherheitstechnischer Risikofaktoren wird das Land wohl zumindest mittelfristig an der Kernkraft als wichtigster Stromerzeugungsform festhalten. Am Standort Chmelnyzkyj sollen zwei zum größten Teil fertiggestellte WWER-1000 fertig gebaut werden (ohne russische Beteiligung); außerdem sollen dort zwei weitere AP-1000 von Westinghouse errichtet werden, um den Verlust des von Russland besetzten KKW Saporischschja zu kompensieren. Insgesamt sind neun AP-1000-Reaktoren in der Ukraine geplant. Für die laufenden Reaktoren wurden teilweise Laufzeitverlängerungen genehmigt.

In der Slowakei hat 2023 mit Mochovce-3 der fünfte Reaktor den kommerziellen Betrieb aufgenommen. 2022 lag der Anteil am Gesamtstrommix bei 59,2 Prozent. Ein weiterer WWER-440 soll in 2025 folgen.

Ungarn bezieht zurzeit knapp die Hälfte seines Stroms aus vier WWER-440-Blöcken. Es ist geplant, am Standort Paks zwei russische WWER-1200 Blöcke zu errichten, vorbereitende Arbeiten dazu laufen.

In Slowenien trägt der einzige Kernreaktor am Standort Krško 41 Prozent zur Nettostromerzeugung des Landes bei. Die Laufzeit des KKW wurde im Januar 2023 um 20 Jahre bis 2043 verlängert. Die Kernkraft soll perspektivisch ausgebaut werden, um die CO2-Ziele des Landes zu erreichen; abhängig von der Stromnachfrage sind zwei Kernkraftwerksblöcke geplant.

Auch in Bulgarien soll ein AP-1000 gebaut werden, ein entsprechender Plan wurde 2021 vom Parlament verabschiedet, der Frontend-Engineering-and-Design-Contract dazu wurde 2023 unterschrieben. Er soll die beiden WWER-1000-Reaktoren am Standort Kosloduj ergänzen, die zurzeit etwa ein Drittel des Gesamtstroms produzieren.

Rumänien betreibt zwei Candu-Reaktoren, zwei weitere Candu-Blöcke sollen bis voraussichtlich 2031 fertiggestellt werden. Zudem will Rumänien einen SMR des US-amerikanischen Unternehmens NuScale bauen.

In Tschechien sind zwei Blöcke mit 1.000 MW am Standort Dukovany ausgeschrieben, auch am zweiten Standort des Landes, Temelin, sind zwei neue Blöcke geplant. Korea Hydro & Nuclear Power (KHNP) und Électricité de France (EdF) sollen ihre Angebote dazu bis Mitte April 2024 abgeben. In Temelin ist zudem die Errichtung von SMR zeitnah geplant. Derzeit produzieren sechs Druckwasserreaktoren 36,6 Prozent des tschechischen Stroms.

Polen plant neu in die Kernenergie einzusteigen, der erste Reaktor soll 2033 in Betrieb gehen, bis 2043 sollen fünf weitere folgen. Verträge mit amerikanischen Firmen (Westinghouse und Bechtel) für den Standort Lubiatowo-Kopalino an der Ostsee für den Bau von drei AP-1000 sind geschlossen. Gleichzeitig laufen Verhandlungen mit der koreanischen Firma KHNP zum Bau von APR-1400-Anlagen. Im Bereich SMR besteht ebenfalls großes Interesse.

In Belarus ist der erste Reaktorblock seit zwei Jahren in Betrieb, der zweite hat am 1. November 2023 den kommerziellen Betrieb aufgenommen.

In Russland werden 20 Prozent des Gesamtstroms von 36 Reaktoren produziert, deren Durchschnittsalter bei 29,1 Jahren liegt. Im Laufe der letzten zehn Jahre sind neun neue Reaktoren in Betrieb genommen worden, darunter das schwimmende KKW Akademik Lomonossow mit zwei Reaktoren. Mit dem Bau von zwei landgestützten SMR in Sibirien wurde begonnen. Weitere Blöcke verschiedenen Typs sind in Bau (beispielsweise WWER-TOI in Kursk oder BREST-300 in Sewersk) beziehungsweise geplant. Zudem ist Russland sehr stark im Ausland aktiv: Neben Ungarn realisiert Russland Neubauten in Ägypten, Iran, Indien, China, Bangladesch und der Türkei. Dort wird zurzeit ein KKW mit vier russischen WWER-1200 gebaut. Die Inbetriebnahme soll zwischen 2025 und 2028 erfolgen. Zwei weitere Standorte sind bereits ausgewählt.

Amerika

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Im Jahr 2021 lag der Anteil der Kernenergie am Gesamtstrommix auf dem amerikanischen Kontinent bei rund 14 Prozent. Zur Produktion sind 119 Reaktoren mit einem Durchschnittsalter von 41,7 Jahren in Betrieb. Hier ist allerdings ein deutliches Nord-Süd-Gefälle gegeben: Während in den USA und Kanada insgesamt 112 Reaktoren laufen, sind es südlich davon gerade einmal 7. Gebaut werden auf dem amerikanischen Kontinent zurzeit drei Blöcke, dauerhaft heruntergefahren sind 47 Reaktoren.

In den Vereinigten Staaten sind mit 93 Reaktoren mehr KKW am Netz als in jedem anderen Land der Welt; sie stellten in 2022 rund 18 Prozent des Stroms zur Verfügung. Das durchschnittliche Alter der Reaktoren beträgt 42,6 Jahre. Neu hinzugekommen ist 2023 die Anlage Vogtle-3, der erst zweite Reaktor in diesem Jahrtausend (nach WATTS BAR-2 in 2016); Vogtle-4 soll in diesem Jahr folgen. Zudem setzen die USA auf Laufzeitverlängerungen: Für einen Großteil der Reaktoren ist eine Verlängerung von 40 auf 60 Jahre bereits beschlossen, eine weitere Verlängerung auf 80 Jahre ist für sechs Reaktorblöcke genehmigt, elf weitere werden derzeit geprüft; über 100 Jahre Laufzeit wird zumindest laut nachgedacht. Da allerdings in einigen Fällen die Nachrüstungen, die für solche Laufzeitverlängerungen Voraussetzung sind, zu teuer gewesen wären, wurden etliche Anlagen abgeschaltet. Zuletzt betraf das den einzigen Block des KKW Palisades im Bundesstaat Michigan, der allerdings mit staatlicher Hilfe bis Ende 2025 wieder angefahren werden soll. In der Energieplanung der Biden-Administration soll Kernenergie eine größere Rolle spielen. So soll die Entwicklung neuer Reaktorkonzepte gefördert werden, vor allem von SMR. Das erste SMR-Projekt in den USA mit sechs geplanten NuScale-Reaktoren an einem Standort in der Nähe von Idaho Falls musste wegen explodierender Kosten gestoppt werden. Zudem sind amerikanische Firmen wieder zunehmend an Reaktorprojekten (auch SMR) im Ausland interessiert, wie zum Beispiel in Bulgarien, Polen, Rumänien oder der Ukraine. Vor dem Hintergrund der Energie- und Klimakrise hat der Bundesstaat Kalifornien die beiden Blöcke des KKW Diablo Canyon nicht wie geplant abgeschaltet – stattdessen reichte der Betreiber im November 2023 einen Antrag für eine Laufzeitverlängerung bei der US-amerikanischen Aufsichtsbehörde ein; die derzeit gültige Betriebsgenehmigung läuft am 02.11.2024 (Block 1) beziehungsweise am 26.08.2025 aus. Die NRC hat dem Weiterbetrieb der Anlage grundsätzlich zugestimmt.

Etwa 13 Prozent des Strommixes produzieren die 19 CANDU-Reaktoren (Schwerwasserreaktoren, Durchschnittsalter 40,5 Jahre) in Kanada. Auch der nördliche Nachbar der USA setzt auf Laufzeitverlängerungen und SMR. Neue Reaktorblöcke sind noch keine im Bau, der Standort für einen ersten kommerziellen SMR steht allerdings schon fest: Die Baugenehmigung für einen BWRX-300 am Standort Darlington soll 2025 ausgestellt werden, die Fertigstellung ist Ende dieses Jahrzehnts geplant.

Südlich der USA werden in lediglich drei Staaten Reaktoren betrieben: Ein CANDU-Reaktor und zwei Schwerwasserreaktoren nach einem Design des früheren deutschen Herstellers KWU in Argentinien und jeweils zwei in Mexiko (SWR des amerikanischen Herstellers GE) und Brasilien (2-Loop-Anlage von Westinghouse und DWR nach KWU-Design). Der Anteil am Strommix liegt in diesen Ländern zwischen 2,4 und 5,4 Prozent. In Argentinien wird zurzeit ein SMR gebaut, der Vertrag zum Bau eines Hualong-1 mit 1.200 MW Bruttoleistung am Standort Atucha wurde mit China Anfang Februar 2022 unterzeichnet; in Brasilien wurden die Arbeiten an einem dritten Block in Angra nach sechs Jahren Unterbrechung wieder aufgenommen (Referenzanlage Angra-2).

Asien

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In Asien kommt der Anteil der Kernenergie an der gesamten Stromproduktion auf gerade einmal 6 Prozent; in acht Ländern werden 124 Reaktoren betrieben. Dazu kommen 25 „suspended operation reactors“, 21 davon japanische Reaktoren, die seit dem Reaktorunfall von Fukushima heruntergefahren sind. Das durchschnittliche Alter der betriebenen Reaktoren beläuft sich auf 17,4 Jahre. Zudem werden hier 39 Blöcke neu gebaut – davon 23 in China und acht in Indien. Dem gegenüber stehen 34 Reaktoren, die sich im Rückbau befinden. Auf keinem anderen Kontinent werden auch nur annähernd so viele neue KKW gebaut. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Anteil Asiens an der Weltbevölkerung bei über 50 Prozent liegt und sich der Energiebedarf in den letzten Jahrzehnten auf keinem Kontinent so vervielfacht hat wie hier. Entsprechend viele sonstige (insbesondere fossil befeuerte) Kraftwerke wurden errichtet, was auch den relativ geringen Anteil der Kernenergie am Strommix erklärt.

Fernost

5 Prozent beträgt der Anteil der Kernenergie am Gesamtstrommix in China. Dafür sind 56 Reaktoren mit einem Durchschnittsalter von gerade einmal 10,1 Jahren verantwortlich. Ein neuer Reaktor wurde letztes Jahr in Betrieb genommen, 23 neue Reaktorblöcke verschiedener Typen werden zurzeit gebaut, darunter neben diversen DWR-Typen unter anderem auch Hochtemperaturrektoren, Schnelle Brüter und weitere SMR-Typen. Für Chinas Bemühungen, den CO2-Ausstoß zu reduzieren, spielt neben dem Ausbau der Erneuerbaren Energien die Kernenergie eine wichtige Rolle. Das wird auch im aktuellen 5-Jahres-Plan noch einmal bekräftigt, demzufolge weitere Reaktorneubauten vorgesehen sind. China versucht zudem in neue Märkte vorzudringen, um seine Technologie und Kompetenzen zu verkaufen.

In Südkorea ist der Anteil der Kernenergie an der gesamten Stromproduktion ein ganzes Stück höher: Mehr als 30 % produzieren die aktuell 26 laufenden Reaktoren. Die neue Regierung hat den geplanten Ausstieg rückgängig gemacht, neben dem Ausbau der Erneuerbaren Energien soll die Kernenergie dabei helfen, die Klimaziele des Landes zu erreichen: Der Anteil am Strommix soll bis 2036 auf 35 % erhöht werden; in den letzten beiden Jahren wurde jeweils ein Reaktor ans Netz geschlossen, zwei weitere sind zurzeit im Bau. Südkorea bemüht sich zudem in verschiedenen Ländern darum, in Bauprojekte mit einzusteigen: In den Vereinigten Arabischen Emiraten haben bereits drei koreanische Blöcke den kommerziellen Betrieb aufgenommen, ein weiterer steht kurz davor; Gespräche mit beispielsweise Ägypten, Polen, Tschechien oder Uganda laufen.

Zu den Ländern, deren Energiepolitik durch Fukushima stark beeinflusst wurde, gehört natürlich auch Japan. Vor dem Unglückstag liefen dort 54 Reaktoren, die fast 30 Prozent des Strombedarfs deckten. Diese wurden nach der Katastrophe zunächst alle heruntergefahren; zwölf davon sind mittlerweile wieder am Netz, zuletzt die beiden Blöcke Takahama-1 und -2 im August beziehungsweise September 2023, weitere sollen in den nächsten Jahren folgen. Dem gegenüber stehen 27 Reaktoren, die sich zurzeit im Rückbau befinden. Der aktuelle Anteil der Kernenergie am Strommix beläuft sich auf rund 6,1 Prozent – allerdings plant die derzeitige Regierung, den Anteil bis 2030 wieder auf 20 bis 22 Prozent zu steigern. Zudem verabschiedete sie im Dezember 2022 eine Richtlinie, die eine Verlängerung der Laufzeiten bestehender Reaktoren über die bisherige Begrenzung auf 60 Jahre hinaus vorsieht. Langfristig sollen Reaktoren der nächsten Generation gebaut werden, um alte Kraftwerke zu ersetzen.

Taiwan hat nach den Eindrücken der Ereignisse aus Fukushima den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Die verbleibenden zwei Reaktoren sollen noch bis 2025 Strom erzeugen, bevor sie stillgelegt werden; in 2022 produzierten (damals noch) drei Reaktoren 9,1 Prozent des Stroms im Land.

Anders sieht es in Indien aus, wo zusätzlich zu 22 laufenden Reaktoren derzeit acht weitere Blöcke gebaut werden. Bei den Neubauten handelt es sich um indische Eigenentwicklungen auf Basis des CANDU-Reaktors sowie Reaktorblöcke russischen Typs. Geplant ist außerdem der Neubau von sechs Reaktorblöcken westlicher Bauart.

Naher und Mittlerer Osten

Auch in Pakistan wird die Kernenergie zur Stromerzeugung genutzt: Sechs Reaktorblöcke decken hier 10,6 Prozent des Strombedarfs. In 2021 und 2022 wurde am Standort Karachi jeweils ein Hualong-1 in Betrieb genommen.

Im Iran läuft seit gut zwölf Jahren der erste Reaktorblock; am Standort Buschehr sind zwei WWER-1000 im Bau. Laut iranischen Angaben soll eine weitere 4-Block-Anlage im Süden des Landes errichtet werden.

In Asien gibt es ebenfalls eine Reihe von Ländern, die aktuell in die Kernenergie einsteigen. Dazu zählen zum einen Bangladesch, wo zurzeit zwei Reaktorblöcke russischer Bauart gebaut werden, zum anderen die Vereinigten Arabischen Emirate: Seit 2020 nahmen dort drei Reaktoren den Betrieb auf, ein weiterer wird voraussichtlich dieses Jahr ans Netz gehen.

Afrika

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In Afrika werden lediglich zwei Reaktoren betrieben, die einen Anteil am Gesamtstrommix von rund 1 Prozent produzieren. Sie stehen beide in Südafrika, wo die Kernenergie auf einen Anteil von 6 Prozent am Strommix kommt. Beide Anlagen wurden zeitgleich gebaut und gingen 1984 beziehungsweise 1985 ans Netz, woraus sich ein Durchschnittsalter von 39,1 Jahren ergibt.

Da die Stromnetze auf dem Kontinent in den nächsten Jahren jedoch ausgebaut werden müssen, könnte die Kernenergie hier zukünftig eine größere Rolle spielen. Afrika ist dadurch auch für ausländische Investoren interessant, einige Länder (beispielsweise Ghana, Kenia, Ruanda, Uganda) beschäftigen sich konkret damit, wie ein Einstieg in die Kernenergie zu realisieren ist.

In Ägypten sollen am Standort El Dabaa vier russische Reaktorblöcke (WWER-1200) entstehen. Die Baugenehmigungen sind alle erteilt, die Bauarbeiten an den ersten drei Blöcken laufen.