4 April 2026

Handelsblatt (Germany)

Der große Traum von der kleinen Kernkraft

Geht es nach Donald Trump, steht den Vereinigten Staaten eine nukleare Renaissance bevor. Oklo soll dabei eine entscheidende Rolle spielen. Das Handelsblatt hat seinen Gründer getroffen.
Source : Handelsblatt: Der große Traum von der kleinen Kernkraft https://www.handelsblatt.com/technik/forschung-innovation/silicon-valley-der-grosse-traum-von-der-kleinen-kernkraft/100206338.html

von Philipp Alvares de Souza Soares • 20. März 2026

Las Vegas, San Francisco. Was, wenn der gefährlichste Abfall der Industriegeschichte in Wahrheit ein Rohstoff wäre? Wenn Zehntausende Tonnen hoch radioaktiven Materials, die in den USA in Stahl- und Betonbehältern lagern, genau das liefern könnten, woran es der mächtigsten Nation am meisten fehlt – Strom?

Es klingt wie eine jener Ideen, die zu perfekt sind, um wahr zu sein. Aber in Idaho könnte sie gerade kurz vor der Umsetzung stehen.

Der Mann, der dieses Versprechen verkauft, sitzt an einem Januarnachmittag in einem sterilen Konferenzraum in Las Vegas. Jacob DeWitte spricht ruhig und sachlich – bis es um seine Reaktoren geht. Plötzlich gestikuliert er leidenschaftlich wie ein begeistertes Kind.

Kernkraft sei für ihn „Magie, die real ist“, sagt DeWitte. Und seinem Ziel, damit zu zaubern, war er noch nie so nah wie heute.

Kaum ein junges Energieunternehmen in den USA vereint derzeit so viel Hoffnung auf sich wie sein Start-up Oklo, das kleine, hocheffiziente Kernreaktoren bauen will. Vom Silicon Valley aus beflügelt es die Träume von Investoren, Tech-Managern und Politikern zugleich.

Das hat viel mit DeWittes Begeisterung zu tun. Aufgewachsen in einer Ingenieursfamilie im Atomstaat New Mexico, habe er sich schon als Junge in die Technologie „verliebt“, sagt er. Mit seinem Vater besuchte er an den Wochenenden das Nuklearmuseum in Albuquerque.

Im Urlaub nahmen die DeWittes mitunter Umwege in Kauf, um einen besonderen Reaktor zu bestaunen. DeWitte ist überzeugt davon, dass Nuklearenergie von irrationaler Furcht klein gehalten werde. Und er ist überzeugt davon, dass Oklo das ändern kann. Für DeWitte geht es dabei um eine der existenziellsten Fragen der Menschheit.

Die Energiekrise lösen

Der Kernphysiker hat Oklo 2013 mit seiner heutigen Frau Caroline gegründet. Die Versprechen des Unternehmens klingen wie Science-Fiction: Oklo will die Energiekrise der Zukunft lösen, indem es den Atommüll der Vergangenheit verbrennt. Nicht in gigantischen Betonkathedralen, sondern in kompakten Small Modular Reactors (SMR), kaum größer als ein Einfamilienhaus.

Die Technologie zieht derzeit nicht nur in den USA in rasantem Tempo Investorengelder an. Auch die Europäische Union hat gerade eine Förderung in Höhe von 200 Millionen Euro angekündigt. Russland und China haben erste Projekte bereits umgesetzt.

Die Geschichte von Oklo beginnt nicht im Labor, sondern in der Bibliothek. DeWitte, promoviert am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, stöberte in Archiven der Achtzigerjahre und fand darin Konzepte fortschrittlicher Reaktoren, die mit öffentlichem Geld nahezu bis zur Marktreife entwickelt, dann aber nie gebaut wurden. Die Unterlagen lagen nur auf Papier vor, sie waren nie digitalisiert worden. „Das gesamte Wissen war da“, sagt DeWitte. „Aber es war einfach nicht zugänglich.“ Auf diesen Entwürfen basiere Oklos Kernkrafttechnologie, sagt DeWitte. Sie gehört zur Klasse der „schnellen“ Reaktoren. Einer der wesentlichen Unterschiede: In konventionellen Kraftwerken bremst Wasser die Neutronen während der Reaktion ab. Sie spalten nur etwa fünf Prozent des Urans. Ein schneller, mit flüssigem Natrium gekühlter Reaktor nutzt hingegen die energiereichen Neutronen besser aus und spaltet damit auch schwere Elemente, die sonst als Atommüll enden würden.

Aus dem Entsorgungsproblem der Atombranche würde so – zumindest in der Theorie – ein Energiespeicher. Allein mit dem Atommüll der USA, prophezeit DeWitte, ließe sich das Land 150 Jahre lang mit Strom versorgen.

DeWitte ist nicht der Erste, der die Idee in die Praxis umsetzt. Bereits am 3. April 1986, 23 Tage vor der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, testeten Ingenieure am Experimental Breeder Reactor II in Idaho ein Extremszenario: Sie deaktivierten die automatische Notabschaltung bei voller Leistung, schalteten die Kühlung ab – und warteten. In einem konventionellen Reaktor wäre damit der Beginn einer Kernschmelze eingeleitet gewesen. In Idaho hingegen erhitzte sich das Natrium, dehnte sich aus, die Kettenreaktion erlosch von selbst.

Am selben Nachmittag simulierten die Ingenieure einen vollständigen Ausfall der Wärmeabfuhr bei voller Leistung, ein Szenario, das 25 Jahre später Fukushima zerstören sollte. Wieder schaltete sich der Reaktor selbst ab.

Genützt hat der Erfolg wenig: In den späten Achtzigerjahren kippte die Stimmung gegenüber Atomtechnologie. 1994 strich der US-Kongress unter Präsident Bill Clinton die Fördergelder. – die Pläne für die neuartigen Reaktoren verschwanden im Archiv.

Ein Problem der Technologie blieb die hohe „Reaktionsneigung“ der Kühlmittel: Flüssiges Natrium brennt etwa bei Kontakt mit Luft und explodiert bei Kontakt mit Wasser. Schon kleine Lecks können verheerend sein. Kritiker wie Edwin Lyman von der Union of Concerned Scientists warnen, dass diese Eigenschaften Natriumreaktoren potenziell besonders gefährlich machen.

Oklo reduziert das Risiko eines Berstens der Leitungen durch ein druckloses System. Hochdruck sei – anders als bei konventionellen Kraftwerken mit Wasserkühlung – nicht nötig, was die Sicherheit erheblich erhöhe, sagt DeWitte. Die geringe Größe der Reaktoren verringere zudem die nötige Natriummenge. Das reduziere die potenzielle Schadensenergie erheblich.

Oklo verknüpft seine Technologie mit einem neuen Markt. Die Reaktoren sollen dort stehen, wo der Strom derzeit am dringendsten gebraucht wird – neben den neuen Rechenzentren für Künstliche Intelligenz (KI), die Konzerne wie Meta oder Amazon in Rekordtempo in die Landschaft setzen.

Der rasante Vormarsch moderner KI-Technologie hat den Strombedarf der Tech-Industrie in kürzester Zeit vervielfacht. Doch die Netzinfrastruktur der USA kommt diesem Bedarf schon heute nicht hinterher. Die Konzerne haben ihre Investitionen zuletzt auf Rekordbeträge erhöht, bekommen ihre Finanzkraft aber nicht auf die Baustelle. Aufgrund des Energiemangels dauert es immer länger, bis neue Projekte in Betrieb gehen.

Präsident Donald Trump vereinbarte Anfang März mit der Branche, dass sie steigende Strompreise künftig selbst ausgleichen soll. Zugleich lockerte er Regularien, um den schleppenden Ausbau der Infrastruktur zu beschleunigen. Oklo positioniert sich früh als ein Baustein dieser Lösung – verkauft aber keine Reaktoren, sondern Megawattstunden über langfristige Abnahmeverträge von 15 bis 20 Jahren.

Der Modulaufbau der Anlagen sei ihr besonderer Vorteil, sagt Brian Gitt, Oklos Vertriebschef. Die geplanten 75-Megawatt-Blöcke ließen sich an den Baufortschritt der Rechenzentren anpassen, die Gebäude für Gebäude entstehen, jeweils mit einem Bedarf von 100 bis 200 Megawatt. „Bei einem 1000-Megawatt-Reaktor haben Sie ein Problem, wenn er plötzlich vom Netz geht“, sagt Gitt. „Bei unserer Größe bauen Sie Redundanz automatisch mit ein.“

Bei vielen Investoren sorgte dieses Konzept für regelrechte Euphorie. Oklo ist seit 2024 an der New Yorker Börse gelistet. Im vergangenen Jahr verzehnfachte sich der Aktienkurs zeitweise, die Bewertung lag zuletzt bei knapp zehn Milliarden Dollar. Der Erfolg der Aktie machte auch die DeWittes, die als junge Unternehmer noch in einem Wohnwagen im Silicon Valley lebten, auf dem Papier zu Milliardären.

Da echte Umsätze bislang fehlen, versucht Oklo vor allem, die Nachfrage ins Schaufenster zu stellen. Anfang des Jahres verfügte das Unternehmen über Vorverträge mit einem Stromlieferumfang in Höhe von 15 Gigawatt – genug, um bis zu 15 Millionen Haushalte zu versorgen.

OpenAI-Chef Sam Altman, der zu den ersten Investoren gehörte, trat im April 2024 aus dem Verwaltungsrat zurück, um DeWitte freie Hand für Verhandlungen mit allen großen KI-Spielern zu geben – auch mit seinem eigenen Konzern.

Zusammenarbeit mit Meta

Anfang 2026 kündigten Oklo und Meta an, in Pike County, Ohio, gemeinsam einen Datencenter-Campus mit 1,2 Gigawatt zu entwickeln. Meta leistet hohe Vorauszahlungen, die Geländevorbereitung soll noch 2026 beginnen, die erste Ausbauphase ab 2030 Strom liefern. Auch der Rechenzentrumsbetreiber Equinix zahlte bereits 25 Millionen Dollar vorab.

Der Haken: Bislang ist kein einziger von Oklos „Aurora“-Reaktoren in Betrieb oder zugelassen.

Das hat auch mit den Genehmigungsverfahren zu tun. Im Januar 2022 lehnte die Nuclear Regulatory Commission (NRC) den ersten Lizenzantrag von Oklo ab. Das Unternehmen hatte im März 2020 ein stark verkürztes, vollelektronisches Dossier eingereicht – etwa tausend statt 25.000 Seiten lang, just an dem Tag, an dem die Weltgesundheitsorganisation WHO die Pandemie ausgerufen hatte. Nach mehreren Nachforderungen konnte Oklo nicht genug Daten zur Sicherheitsanalyse liefern.

Damals war noch von einem 1,5-Megawatt-Mikroreaktor die Rede. Inzwischen hat Oklo die Leistungsangabe erst auf 15, dann 50 und schließlich auf 75 Megawatt erhöht. Darauf angesprochen, gibt sich DeWitte unbeeindruckt, spricht von Lernprozessen und sagt, man habe „zu viel auf einmal versucht“. Heute stützt sich Oklo auf das Reactor Pilot Program des US-Energieministeriums. In Idaho, auf staatlichem Gelände, darf das Unternehmen nun unter Aufsicht des Ministeriums bauen – gewissermaßen am regulierten Verfahren der NRC vorbei. Im September 2025 erfolgte der Spatenstich.

Der Zeitplan ist politisch aufgeladen: Im Mai 2025 stand DeWitte im Oval Office, als Präsident Trump Dekrete zur Kernenergie unterzeichnete. Am 4. Juli 2026 feiern die USA ihren 250. Geburtstag. Die Trump-Regierung will diesen Termin nutzen, um amerikanische Technologieführerschaft zu demonstrieren. Ein funktionierender Pilotreaktor in Idaho wäre die perfekte Kulisse.

Im Vergleich zu früheren Regierungen sei die Unterstützung für Atompioniere heute so groß wie nie, lobt DeWitte. Die Politik ziehe erstmals mit der Geschwindigkeit des Silicon Valley gleich, die USA seien damit ein Vorbild. Die Unterstützung hat auch personelle Gründe Trumps „KI-Zar“ David Sacks setzte sich im Weißen Haus für die Anliegen der KI‑Industrie ein. Chris Wright, heute US-Energieminister, war vor seiner Ernennung Mitglied im Verwaltungsrat von Oklo.

Während Politik und Kapital die nukleare Renaissance ausrufen, warnen Fachleute vor überzogenen Erwartungen. Mycle Schneider, deutsch-französischer Energieberater und Herausgeber des „World Nuclear Industry Status Report“, verfolgt die Atombranche seit 45 Jahren. Für ihn ist der Hype um SMR eine gefährliche Illusion – und Oklo eines der eindrücklichsten Beispiele.

Bislang sei es vor allem darum gegangen, die Investoren in kürzester Zeit reich zu machen. „Ich habe in 45 Jahren bislang kein Beispiel für ein fiktives Projekt dieser Art gesehen“, sagt Schneider, das Menschen trotzdem „zu Milliardären gemacht“ habe. Oklos Ankündigungen beeindrucken den Experten nur wenig. „Kleine modulare Reaktoren sind für das Narrativ der nuklearen Renaissance essenziell, aber für den Strommarkt irrelevant.“ Es gebe einen „Boom des Geredes“.

Die Unsicherheit, die vor allem die Regulierungsfragen umgibt, spiegelt sich an der Börse wider. Die Oklo-Aktie schwankte im vergangenen Jahr zwischen 17 und 194 Dollar, allein in den vergangenen zwei Monaten verlor das Unternehmen rund fünf Milliarden Dollar an Marktwert. Die Barclays Bank stufte ihr Kursziel aufgrund der mangelnden Klarheit kürzlich auf 86 Dollar herab. Bekannte Investoren wie Cathie Wood halten indes an Oklo fest. Das Start-up sei die „Firma für die kommende nukleare Renaissance“, schrieb Wood in einer Analyse.

Noch heikler wird es beim Blick auf die Verträge. Tim Judson, Nuklearanalyst und Co-Autor von Schneiders „Status Report“, hat Oklos Geschäftsberichte seziert. „Es ist entscheidend zu verstehen“, sagt er, „dass die meisten angekündigten Deals keine konkreten Investitionen beinhalten“. Viele Verträge seien „Master Power Agreements“: Oklo garantiere seinen Kunden Strom – aber nicht zwingend Atomstrom.

Tatsächlich hat Oklo Partnerschaften mit Unternehmen wie Liberty Energy abgeschlossen, die Erdgasturbinen betreiben. Judson vermutet eine gezielte Verzögerungstaktik: Es sei unklar, ob die Stromlieferungen für Kunden wie Meta in den ersten Jahren nicht schlicht aus Gasturbinen stammten, während die Reaktoren noch in der Entwicklung sind. Oklo würde so zum Stromhändler, der fossile Energie mit einem nuklearen Versprechen grünwasche.

Oklo weist diese Lesart zurück. Die Lieferung von fossilem Strom sei ein „Übergangsarrangement“, das man nicht missverstehen solle. Die langfristige Lösung sei „verlässlicher, emissionsarmer Atomstrom“, betont das Unternehmen. Derzeit geht man intern von einem ersten Reaktorbetrieb im Jahr 2028 aus.

Am Dienstag gab das Unternehmen bekannt, dass das US-Energieministerium die erste Genehmigungsstufe für den Aurora-Reaktor am Idaho National Laboratory mittlerweile erteilt hat. Eine vollständige Lizenz für den kommerziellen Betrieb fehlt jedoch nach wie vor.

Langfristig will Oklo seine Technologie auch ins Ausland verkaufen. Beim Thema Deutschland gerät DeWitte ins Schwärmen. Einige der weltweit besten Reaktoren stünden in der Bundesrepublik, sagt er. Für Oklo wäre der Markt attraktiv – doch dafür müsse „die Logik über die Angst siegen“. Die deutschen Regierungen verfolgten eine „sehr regressive“ Energiepolitik, sagt er. Anders als viele Nachbarländer habe Deutschland einen ideologischen Kurs gewählt und importiere nun Atomstrom aus dem Ausland.

Es ist die vertraute Kritik am Atomausstieg der Regierung Angela Merkels, die DeWitte mit beinahe missionarischem Eifer vorträgt. Er sieht seine Aufgabe darin, die Vision der Atompioniere der 40er-Jahre zu vollenden. Es gebe genug Uran und Thorium, auf das die Menschheit Zugriff habe, um den globalen Energiebedarf für fünf bis zehn Milliarden Jahre zu decken, sagt er – „länger, als die Sonne brennen wird“. Ja, das sei sehr groß gedacht, räumt DeWitte ein. Aber genau darum gehe es ihm. „Ich bin nicht in diese Branche gegangen, um einfach nur ein paar Reaktoren zu bauen.“ Bis zum 4. Juli muss er beweisen, dass er seinen Plan auch umsetzen kann.

Es ist entscheidend, zu verstehen, dass die meisten angekündigten Deals keine konkreten Investitionen beinhalten. Tim Judson, Nuklearanalyst

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