6 October 2026

Frankfurter Rundschau (Germany)

Atomkraft erzeugt Rekordstrom und verliert trotzdem an Boden

Der Kernenergie-Report zeigt einen weiter sinkenden Anteil am globalen Strommix. Neue Reaktoren entstehen vor allem in China und unter russischer Regie.
Source : Frankfurter Rundschau: Atomkraft erzeugt Rekordstrom und verliert trotzdem an Boden https://www.fr.de/wirtschaft/atomkraft-erzeugt-rekordstrom-und-verliert-trotzdem-an-boden-94516335.html

von Joachim Wille • 29. September 2026

Die Atomkraft hat 2025 weltweit so viel Strom erzeugt wie nie zuvor. Eine echte Renaissance der Technologie bedeutet das allerdings nicht. Denn während die Produktion der Reaktoren leicht anstieg, sank ihr Anteil an der globalen Stromerzeugung erneut, weil die Erneuerbaren viel stärker boomen. Das Plus beim Atom betrug 1,1 Prozent, das der Solarenergie zum Beispiel 30 Prozent. Neue AKW werden überwiegend in China gebaut, außerhalb dieses Landes ging die Atomstromproduktion sogar etwas zurück. Das ist die zentrale Bilanz des neuen „World Nuclear Industry Status Report“ (WNISR), der die Entwicklung der Branche jährlich untersucht.

Die 411 Mitte 2026 in Betrieb befindlichen Reaktoren erzeugten im vergangenen Jahr 2.703 Milliarden Kilowattstunden Strom. Der leichte Zuwachs von 1,1 Prozent geht dabei vollständig auf China zurück, wo die Produktion um 7,6 Prozent stieg. Im Rest der Welt sank sie um 0,2 Prozent. Der Anteil der Atomkraft an der weltweiten kommerziellen Stromerzeugung fiel auf 8,8 Prozent, den niedrigsten Stand seit rund viereinhalb Jahrzehnten. 1996 hatte er mit 17,5 Prozent noch etwa doppelt so hoch gelegen.

Mehr stillgelegt als neu ans Netz genommen

Der Bericht widerspricht damit der verbreiteten Vorstellung eines weltweiten Atombooms. Allerdings gibt es durchaus mehr AKW-Bauprojekte: Mitte 2026 waren laut dem Report 73 Reaktoren im Bau, zehn mehr als ein Jahr zuvor und so viele wie seit 1987 nicht mehr. 37 davon entstehen allein in China. Russland wiederum dominiert das internationale Geschäft: Von 29 unter russischer Regie in Bau befindlichen Anlagen stehen 22 in neun anderen Staaten. Außerhalb dieser beiden Länder bleibt der Neubau überschaubar. Fast alle 52 Baustarts von 2020 bis 2025 gehen auf chinesische oder russische Unternehmen zurück; einzige Ausnahme ist ein Projekt in Südkorea.

Im Jahr 2025 wurden mehr Reaktoren stillgelegt als neu ans Netz genommen. Vier Reaktoren nahmen den Betrieb auf, zwei in China und je einer in Indien und Russland. Sieben wurden hingegen endgültig abgeschaltet, drei in Belgien, drei in Russland und einer in Taiwan. Die Gesamtleistung sank dadurch bis Ende 2025 auf 368,6 Gigawatt, stieg bis Mitte 2026 aber wieder auf 374,7 Gigawatt und erreichte damit einen Höchstwert.

Ähnlich die längerfristige Bilanz: Von 2006 bis 2025 wurden weltweit 104 Reaktoren neu ans Netz angeschlossen und 106 stillgelegt. China allein kam auf 53 Starts, hier gab es keine Abschaltung. Außerhalb Chinas sank die Zahl der Reaktoren um 55 und deren Leistung um fast 31 Gigawatt. Zugleich altert der Bestand: Zwei Drittel der laufenden Meiler sind mindestens 31 Jahre alt, mehr als jeder dritte mindestens 41 Jahre. Das Durchschnittsalter der AKW beträgt knapp 33 Jahre.

Mini-Reaktoren

Besondere Aufmerksamkeit in der Energiewelt gilt den sogenannten Small Modular Reactors (SMR). Befürworter hoffen, dass kleinere, serienmäßig gefertigte Reaktoren schneller und günstiger gebaut werden können. Doch zwischen Konzept und Stromlieferung liegt noch eine große Lücke. Bisher gibt es nur je zwei SMR-Module in China und Russland.

Der einzige im Westen im Bau befindliche SMR entsteht im kanadischen Darlington. Sein Typ BWRX-300 ist technisch ein vergleichsweise konventioneller Siedewasser-Reaktor mit 300 Megawatt Leistung. Ob die kleinere Bauweise Strom günstiger macht, ist offen. Für den ersten Block samt Infrastruktur, die auch drei weiteren dienen soll, sind 7,7 Milliarden kanadische Dollar (rund 4,8 Milliarden Euro) veranschlagt. Vier Blöcke mit zusammen 1200 Megawatt sollen 20,9 Milliarden (13 Milliarden Euro) kosten.

Erst Bau und Betrieb werden zeigen, ob sich die erhofften Einsparungen durch Wiederholung einstellen. Der Herausgeber des Nuklear-Reports, Mycle Schneider, sagte der FR dazu: „Im Laufe der Atomkraft-Geschichte sind die Anlagen aus gutem Grund größer geworden; der Skaleneffekt sollte die Kosten pro Megawatt Kapazität drücken. Das ist angewandte Physik.“ Es sei „höchst unwahrscheinlich, dass die SMR-Entwickler plötzlich neue Wirtschaftlichkeitsgesetze entdecken“. Inzwischen würden auch Investoren skeptisch; SMR-Unternehmen seien im Laufe des Jahres an der Börse stark abgestürzt.

Keiner der 16 Reaktoren, die zwischen 2023 und 2025 in neun Ländern erstmals Strom ins Netz lieferten, wurde laut dem Report pünktlich fertig. Ihre Bauzeit betrug im Durchschnitt knapp elf Jahre. Von den derzeit 73 Baustellen liegen laut Bericht mindestens 25 bis 28 hinter dem Zeitplan. Solche Verzögerungen sind für Staaten, die kurzfristig zusätzliche CO₂-arme Strommengen benötigen, ein entscheidender Faktor.

Besonders deutlich wird der Gegensatz zwischen Anspruch und Baufortschritt in den USA. Trotz neuer Atompläne und des wachsenden Strombedarfs durch KI-Rechenzentren befand sich dort Mitte 2026 laut WNISR kein Leistungsreaktor im Bau. Die 94 laufenden US-Reaktoren waren im Mittel fast 45 Jahre alt. Ein Unternehmen erhielt eine Baugenehmigung für einen neuartigen Reaktor; ein anderes bereitet den Neustart eines inzwischen 55 Jahre alten Blocks vor.

In Europa setzen vor allem Frankreich, Großbritannien und einige osteuropäische Länder auf neue Atomprojekte. Frankreichs Meiler lieferten 2025 wieder mehr Strom, rund 373 Milliarden Kilowattstunden, blieben aber unter den etwa 400 Milliarden, die vor rund zehn Jahren üblich waren. Das Land plant sechs neue Großreaktoren, deren Kosten inzwischen auf 72,8 Milliarden Euro zum Preisstand von 2020 geschätzt werden. Der erste soll 2038 ans Netz gehen; derzeit ist in Frankreich kein AKW im Bau. Großbritannien baut in Hinkley Point und hat eine Investitionsentscheidung für Sizewell C getroffen. Gleichzeitig schrumpft dort allerdings die überalterte AKW-Flotte.

Solarstrom übertrifft erstmals Atomkraft

Der neue Report stellt der Entwicklung der Atomkraft den raschen Ausbau von Solarenergie, Windkraft und Batteriespeichern gegenüber. 2025 kamen danach weltweit 510 Gigawatt Solar- und 159 Gigawatt Windleistung hinzu. Erstmals übertraf dabei die jährliche Solarstrom-Erzeugung allein die der Atomkraft; Sonne und Wind zusammen lieferten mehr als doppelt so viel Strom wie die Reaktoren. Hauptmotor China baute im vergangenen Jahr geschätzt 314 Gigawatt Solaranlagen zu, während dort zwei neue AKW mit zusammen 2,5 Gigawatt ans Netz gingen. Bei der Stromerzeugung wuchs Chinas Solarstrom mit rund 330 Milliarden Kilowattstunden etwa zehnmal so stark wie jener aus AKW.

Das Vorwort des Berichts stammt vom früheren japanischen Außenminister Taro Kono. Er verweist auf die Risiken der Abhängigkeit seines Landes von importiertem Öl, Gas und Uran und wirbt für mehr heimische Erneuerbare und effizientere Energienutzung. Japan hat nach der Katastrophe von Fukushima wieder eine Reihe Reaktoren ans Netz gebracht; 2025 deckte Atomstrom 9,2 Prozent der dortigen Stromerzeugung. Zugleich bleiben 18 Blöcke langfristig außer Betrieb. Kono kritisiert, dass über künftige Kleinstreaktoren und andere aufwendige Technologien gesprochen werde, während sofort umsetzbare Maßnahmen wie bessere Gebäudedämmung, Solardächer und Batteriespeicher zu kurz kämen.