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Frankfurter Rundschau: Atomexperte: „Fukushima war kein Super-GAU – Japan hatte viel Glück"
https://www.fr.de/wirtschaft/super-gau-japan-hatte-viel-glueck-atomexperte-fukushima-war-kein-94209749.html
von Joachim Wille • 15. März 2026
Vor 15 Jahren hielt die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima die Welt in Atem. Nach einem Tsunami am 11. März 2011 kam es dort zu der gefürchteten Kernschmelze. In Deutschland führte die Katastrophe zum Atomausstieg, doch andere Länder planen eine Renaissance der Technologie. Wie es darum steht, beschreibt der unabhängige Atomexperte Mycle Schneider im FR-Interview.
Herr Schneider, der Super-GAU im japanischen Fukushima jährt sich zum 15. Mal. Viele dachten damals. Diese Katastrophe läutet das Ende der Atomkraft ein. Denn es war kein Reaktor aus russischer Produktion betroffen, sondern „sichere“ Anlagen mit US-Design. Es kam anders. Wieso?
Es lag unter anderem daran, dass das Desaster, das vor 15 Jahren in Fukushima begann, kein Super-GAU war. Japan hat sehr viel Glück gehabt. Denn erstens ist der weitaus größte Teil der freigesetzten Radioaktivität über dem Meer heruntergegangen, und zweitens konnte das schlimmste Szenario vermieden werden.
Aber es gab immerhin drei Kernschmelzen. Ja, in den Blöcken 1, 2 und 3, während Block 4 in Wartung war und sich dessen hochradioaktiver Kern im Abklingbecken befand. Man muss wissen: Der Chef der japanischen Atomenergiekommission legte dem damaligen Premierminister Naoto Kan ein „Worst Case Scenario“ vor, also eine Art Super-GAU-Szenario, bei dem die zusätzliche Zerstörung der Abklingbecken und die Freisetzung der in den abgebrannten Brennelementen enthaltenen Radioaktivität die Evakuierung von bis zu 50 Millionen Menschen, einschließlich Tokio, notwendig gemacht hätte. So konnten die Evakuierungen auf „nur“ 165.000 Menschen begrenzt werden.
Japan nimmt nach und nach Reaktoren wieder ans Netz, statt wie Deutschland auf Erneuerbare zu fokussieren. Was ist der Hintergrund?
Jede japanische Post-Fukushima-Regierung schrieb sich auf die Fahne, möglichst viele AKW so schnell es geht wieder ans Netz bringen zu wollen. Derzeit produzieren 15 AKW in Japan Strom – pro Jahr eine einzige Wiederinbetriebnahme seit dem Beginn der Katastrophe. Und diese produzieren immer noch weniger als zehn Prozent des Stroms im Land. Ein wesentlicher Grund, warum die Betreiber die gestrandeten AKW nicht einfach abschreiben, ist für viele der garantierte Bankrott, würden sie die Produktionsanlagen in ihrer Bilanz von Vermögenswerten zu Verbindlichkeiten umbuchen. Und dann würden horrende Abrisskosten folgen. Ein anderer Grund ist die innovationsfeindliche Vernetzung zwischen Betreibern, Banken und Politik. Ein weiterer Faktor ist der Mangel an unabhängiger professioneller Expertise im Bereich Energie- und Atompolitik in Japan. Und letztendlich kommen nun auch wieder jene zu Wort, die Japan gerne als latenten Atomwaffenstaat sehen würden.
„Politisches Gestikulieren und symbolische Entscheidungen haben sich pro Atomkraft geändert.“ Nuklearexperte Mycle Schneider
Immerhin wurde weltweit zuletzt ein Rekord bei der AKW-Stromerzeugung erreicht. Ist das der Beginn eines neuen Booms?
Die globale Atomkraftnutzung ist in Wahrheit seit 20 Jahren rückläufig. Das begann auch nicht mit Fukushima. Die Höchstwerte liegen für die meisten weltweiten Indikatoren Jahrzehnte zurück: Die meisten AKW waren 2002 in Betrieb, der höchste Atomstromanteil im kommerziellen Strommix war bereits 1996 erreicht, die meisten AKW-Betriebsaufnahmen fanden im Vor-Tschernobyl-Jahr 1985 statt, die meisten AKW standen 1979 als „im Bau“ auf der Liste, die meisten Projekte gingen 1976 in Bau. Einzig die installierte Kapazität und die Atomstromproduktion erreichten 2024 einen neuen, hauchdünnen Rekord, aber das ausschließlich aufgrund des chinesischen Ausbauprogramms.
Nur China rettet die Statistik?
Außerhalb Chinas sank die globale Atomstromproduktion seit dem vorherigen Rekordjahr 2006 um 14 Prozent. In der industriellen Wirklichkeit setzte sich der Vor-Fukushima-Negativtrend fort. Aber Rhetorik, politisches Gestikulieren und symbolische Entscheidungen haben sich in der Tat pro Atomkraft geändert.
In Europa setzt eine ganze Reihe Länder anders als Deutschland auf den Neubau von AKW, zum Beispiel Polen, das bisher keinen Atomstrom produziert. Sollten wir auch umdenken?
Polen versucht nicht das erste Mal, ein Atomprogramm aufzubauen. Das letzte Mal blieben Mitte der 1980er Jahre zwei Bauruinen übrig. Zwischen dem „Auf-den-Neubau-Setzen“ und dem „Atomstrom-Produzieren“ liegen Jahrzehnte. Die französische EDF, größter AKW-Betreiber der Welt, plant die Inbetriebnahme des ersten neuen AKW nicht vor Ende der 2030er Jahre. Der polnisch-amerikanische Atomkooperationsvertrag sieht die erste Inbetriebnahme eines Westinghouse-Reaktors für 2033 vor. Eine imaginäre Wahnvorstellung, wie in anderen Ländern auch.
In Deutschland wird über einen Neueinstieg diskutiert, etwa in den Regierungsparteien CDU und CSU, ebenso in der AfD.
Der deutsche Ausstiegsbeschluss beruht auf einer jahrzehntelangen gesellschaftspolitischen Debatte. Zum zehnten Fukushima-Jahrestag sagte der Vertreter des Industrieverbandes BDI auf einem Panel, der Konflikt sei „befriedet“. Dem schließe ich mich an. Es wäre schon erstaunlich, wenn aufgrund einer Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz – der in seiner gesamten politischen Laufbahn nie durch die leiseste Kompetenz im Bereich Energie- oder Atompolitik aufgefallen ist –, der Ausstieg sei ein „schwerer strategischer Fehler“ gewesen, die gesamte Republik den Jahrzehnte dauernden Entscheidungsfindungsprozess hinwegfegte.
Unser Nachbarland Frankreich will sechs neue große Reaktoren bauen und eventuell acht weitere, um damit verlässlich Grundlaststrom zu produzieren. Ist das ein Zukunftsmodell?
Nein, im Gegenteil. Das AKW-Modell, das gebaut werden soll, ist nicht ausentwickelt, es gibt keinen Prototyp, das Design ist nicht zertifiziert. Deshalb sind alle Zeit- und Kostenangaben reine Spekulation. Ausnahmslos alle Bauprojekte in der westlichen Welt haben in der Vergangenheit eine „negative Lernkurve“ gezeigt. Anders als Solar-, Wind- und Speichertechnologien sind die Projekte stetig teurer geworden. Die Zukunft kann man sich heute in US-Bundesstaaten wie dem nicht als sonderlich progressiv bekannten Texas anschauen. Dort gab es in letzter Zeit atemberaubende Rekorde wie einen 83-prozentigen Erneuerbaren-Anteil im Strommix am 28. Februar. In Kalifornien deckten Batterien am 1. März zeitweise etwa 38 Prozent der Last. Zur Erinnerung: Texas hat über 30 Millionen und Kalifornien rund 40 Millionen Einwohner.
Viele Länder setzen auch auf neue Typen von Mini-Reaktoren, Small Modular Reactors, SMR genannt. Wie erfolgversprechend sind die?
Small Miraculous Reactors? Wie misst man „erfolgversprechend“? Kristallkugelaussagen überlasse ich anderen. Ich bin Anhänger empirischer Analyse. SMR sollen hauptsächlich in Fabriken für Module hergestellt werden. Es gibt bisher keine derartige Fabrik in der Welt. Es wurden zwei Modulprototypen in Russland und zwei Module in China fertiggestellt. Geplante Bauzeit im russischen Fall: 3,7 Jahre. Realität: 12,7 Jahre. Im chinesischen Fall: fünf Jahre geplant, zehn Jahre real. Auch die Stromproduktion dieser Anlagen liegt bisher weit unter der Nominalkapazität.
Baugenehmigungen für Prototypen gibt es aber seit neuestem in Kanada und den USA.
Ja, aber erhebliche ungelöste Sicherheitsfragen wurden auf entsprechende Anträge zur Betriebsgenehmigung verschoben. Es wird weiterhin viele Jahre dauern, bis – vielleicht – Prototypen im Westen in Betrieb gehen. Sollten dann vereinzelte Investoren eine oder zwei dieser Technologien immer noch als „erfolgversprechend“ ansehen, würde es wiederum viele Jahre dauern, bis entsprechende Fabriken entstanden sind. Bis dahin hat die laufende Erneuerbaren-Energierevolution die Grundbedingungen radikal verändert.
Also keine echte Trendwende durch die Mini-Reaktoren?
Laut öffentlicher Wahrnehmung kann man SMR bei Amazon bestellen. In Wirklichkeit gibt es sie nicht. Der Graben zwischen Wahrnehmung und Realität in der Atomdebatte wird jährlich tiefer und breiter. Die Diskussion ist weitgehend faktenfrei. Eine Katastrophe.
Mycle Schneider ist internationaler Energie- und Atompolitik-Analyst und Herausgeber des “World Nuclear Industry Status Report”, eines jährlichen unabhängigen Berichts zur Entwicklung der globalen Atomindustrie. Er lebt in Paris und berät Regierungen und internationale Organisationen. 1997 erhielt er den Alternativen Nobelpreis. (jw)
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