7 October 2026

Handelsblatt (Germany)

Anteil der Atomkraft am Strommix sinkt

Die Bedeutung der Atomkraft geht zurück, auch getrieben durch den weltweiten Solarboom. Angesichts der globalen Energiekrise ändern jedoch immer mehr Länder ihre Haltung zur Atomkraft.
Source : Handelsblatt: Anteil der Atomkraft am Strommix sinkt https://www.handelsblatt.com/unternehmen/energie/energie-anteil-der-atomkraft-am-strommix-sinkt/100257927.html

von Kathrin Witsch • 29. September 2026

Düsseldorf. Immer mehr Länder auf der Welt kündigen den Bau neuer Atomkraftwerke an oder planen, den Ausstieg aus der Kernenergie rückgängig zu machen. Erst vergangene Woche verabschiedete Italien ein Gesetz für die Rückkehr zur Atomkraft.

Doch aktuell zeigen die globalen Zahlen einen ganz anderen Trend: Zwar steigt die weltweite Nettostromerzeugung aus Atomkraft 2025 um ein Prozent – allerdings fast ausschließlich getrieben durch den massiven Zubau in China. Außerhalb der größten Wirtschaft Asiens sinkt die nukleare Energieerzeugung. Auch der Anteil am globalen Strommix fällt mit 8,8 Prozent auf den niedrigsten Wert seit 45 Jahren.

Das zeigt der neueste „World Nuclear Industry Status Report“ (WNISR). Der Marktüberblick wird einmal im Jahr veröffentlicht.

Das erste Mal seit 2021 gingen im vergangenen Jahr mehr Reaktoren vom Netz als hinzukamen. Zwar laufen vier neue Anlagen (zwei in China, jeweils eine in Indien und Russland), gleichzeitig wurden jedoch sieben Reaktoren stillgelegt, unter anderem in Belgien.

Dass die Energieproduktion trotz schrumpfender Zahl der Anlagen nicht sinkt, sondern sogar leicht steigt, hängt mit der Kapazität der neuen Meiler zusammen: Sie sind im Schnitt größer als ihre Vorgänger. „Die Nettobilanz für Inbetriebnahmen und Stilllegungen war mit etwas über 1,5 GW leicht positiv“, schreiben die Autoren des WNISR.

Angeführt wird die Liste der Länder mit den meisten Neubauprojekten seit Jahren von China. Mit 37 Projekten entfällt mehr als die Hälfte aller Bauvorhaben auf die Wirtschaftsmacht in Asien, danach folgen Russland, Indien, die Türkei und Ägypten. Insgesamt sind 73 Reaktoren im Bau. Ein Jahr zuvor waren es noch 63.

Energiepreise machen Atomkraft attraktiver

Angesichts der weltweiten Energiekrise ändern immer mehr Länder ihre Haltung zur Atomkraft. Seit Ausbruch des Ukrainekriegs und des Konflikts im Nahen Osten haben sich die Preise für fossile Rohstoffe wie Öl und Erdgas rasant verteuert. Mit der Atomenergie hoffen Länder wie Italien, Japan, Schweden, Belgien und andere, sich für die Zukunft unabhängiger aufzustellen.

Allerdings, so halten die Autoren des Reports fest, laufe man damit Gefahr, sich in eine neue Abhängigkeit zu begeben: Beim Bau neuer Kernkraftwerke herrscht eine historisch beispiellose Dominanz von Russland und China. Von den weltweit 73 im Bau befindlichen Reaktoren werden 63 von chinesischen oder russischen Staatsunternehmen umgesetzt. Nur Südkorea und Indien bauen ihre Meiler mit eigenen staatlichen Unternehmen, und Großbritannien setzt für seine zwei Reaktoren auf den französischen Staatskonzern EDF.

Russland ist der mit Abstand führende Exporteur von Atomtechnologie, wenn es um neue Projekte geht. Alle elf Reaktorbaustellen in Ländern, die neu in die kommerzielle Kernenergienutzung einsteigen (Ägypten, Bangladesch, Türkei und Usbekistan), werden von dem Staatskonzern Rosatom gebaut. Finanziert werden sie meist über russische Staatskredite, was die Abhängigkeit weiter verstärkt. China baut bis auf eine Ausnahme in Pakistan noch fast ausschließlich im eigenen Land.

Ein Blick auf die Investitionen zeigt einen weiteren Trend: das rasante Wachstum grüner Technologien und den Boom bei Speichern. 2025 flossen weltweit rund 690 Milliarden US-Dollar in erneuerbare Energien – fast 20-mal mehr als die weltweiten Investitionen in den Ausbau der Kernkraft. Der Anteil von Wind, Solar und Co. stieg auf 33 Prozent und übertraf erstmals Kohle als weltweit größte Stromquelle.

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