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Die Tageszeitung (Germany): Die Renaissance, die keine ist

Wednesday 12 March 2014

Weniger Atomkraftwerke

Die Renaissance, die keine ist

Die Tageszeitung, 11.3.2014

Bernward Janzing

Die Atomlobby vermittelt seit Jahren den Eindruck, AKW seien weltweit im Kommen. Doch tatsächlich geht die Zahl der Atommeiler zurück.

FREIBURG taz | In Deutschland brachte Fukushima die Wende: Drei Tage nach dem Reaktorunfall in Japan, der sich am Dienstag zum dritten Mal jährte, ging knapp die Hälfte der deutschen Atomkraftwerke dauerhaft vom Netz; der Rest soll bis 2022 folgen. Doch für den Rest der Welt verkündet die Atomlobby seit Jahren eine Renaissance der Atomkraft. Sind das nur Durchhalteparolen einer Branche, die ihren Zenit überschritten hat? Oder ist etwas dran an einem neuen Boom der umstrittenen Technik?

Ein Blick auf die Zahlen hilft weiter: Im Jahr 2002 waren weltweit 444 Reaktoren am Netz. Seither werden es weniger. Allein im Jahr 2013 vermeldete die Internationale Atomenergieorganisation IAEO vier Inbetriebnahmen und sechs Stilllegungen. Aktuell sind nach Zahlen der IAEO 435 Meiler am Netz.

Und selbst diese Zahl sei noch deutlich zu hoch, merken Kritiker an, wie etwa Mycle Schneider, der Autor des jährlich erscheinenden „World Nuclear Industry Status Report“. Zum Beispiel führt die IAEO noch immer alle 48 japanischen Reaktoren in der Kategorie „in Betrieb“. Tatsächlich aber liefere seit September 2013 kein einziges dieser Kraftwerke mehr Strom, und in den letzten zwei Jahren seien überhaupt nur zwei Reaktoren betrieben worden, sagt Schneider.

Die Zahl der Reaktoren ist nur eines von mehreren Indizien. Deutlicher noch zeigt sich der Bedeutungsverlust der Atomkraft beim Anteil an der Weltstromerzeugung: Vor 20 Jahren lag dieser noch bei 17 Prozent, im Jahr 2012 jedoch nur noch bei 10 Prozent. Angesichts solcher Zahlen, sei es „schon erstaunlich wie lange sich die Mär von einer nuklearen Renaissance hält“, sagt Schneider, der als unabhängiger Berater für Energie- und Atompolitik in Paris tätig ist. Zumal der Anteil des Atomstroms in den kommenden Jahren weiter sinken werde.

Atomkraft auf dem Rückzug

Vor allem in Europa ist die Atomkraft massiv auf dem Rückzug: Im Jahr 1988 waren in den Ländern der heutigen EU noch 177 Reaktoren am Netz, heute sind es nur noch 131. Zwar gibt es sehr wohl einzelne Neubauprojekte, doch diese taugen kaum als gute Referenzen für die Branche: Der Reaktor im finnischen Olkiluoto wird frühestens 2017 ans Netz gehen und damit mindestens fünf Jahre verspätet.

Die prognostizierten Baukosten sind zugleich von 3 auf 8,5 Milliarden Euro gestiegen. Ähnlich entwickeln sich die Kosten und die Bauzeit im französischen Flamanville. Das Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien in Münster bilanzierte daher bereits 2012: „Atomstrom wird zum Kostendesaster.“

Manches Neubauprojekt, das in der Vergangenheit als Indiz einer Atomrenaissance herhalten musste, steht längst auf der Kippe. So gelten heute etwa die im russischen Kaliningrad geplanten zwei Meiler als nicht finanzierbar. Ebenso kritisch ist die Finanzierung in Polen, wo man für den Neubau von zwei Blöcken inzwischen mit mindestens 12,5 Milliarden Euro an Investitionen rechnet. Unterdessen wurde in Bulgarien der Bau der beiden Blöcke in Belene schon eingestellt, weil die Kosten aus dem Ruder liefen. In der Slowakei werden die beiden Blöcke in Mochovce offiziell zwar noch als „im Bau“ geführt – dies aber bereits seit 1987.

Und selbst in China, sagt Atomexperte Schneider, gebe es erste Gerüchte, dass nicht alle 29 im Bau befindlichen Anlagen fertiggestellt werden können, da es an qualifiziertem Personal und Geld mangelt. Längst ist in der Branche unstrittig, dass Neubauten überhaupt nur dort denkbar sind, wo der Staat den Betreibern mächtig unter die Arme greift – wie es Großbritannien gerade geplant.

Erneuerbare auf dem Vormarsch

So werden in Zukunft zwar durchaus Neubauten ans Netz gehen, auch in Europa. Ihre Zahl wird jedoch kaum ausreichen, all jene Reaktoren zu ersetzen, die altersbedingt abgeschaltet werden. Schließlich gibt es weltweit bereits mehr als 100 Reaktoren im Alter von 35 Jahren oder mehr. Mehrere Dutzend davon haben gar die 40 Jahre überschritten und müssen damit bald vom Netz. Lediglich massive Laufzeitverlängerungen könnten einen weiteren Rückgang der weltweiten Reaktorzahlen verhindern, sagt daher Atomexperte Schneider.

Das aber werde angesichts der „horrenden Nachrüstkosten“ immer unwahrscheinlicher. In Frankreich sei inzwischen von einem Nachrüstaufwand in Höhe von 1 bis 4 Milliarden Euro je Reaktor die Rede – weshalb auch hier die Zahl der Reaktoren abnehmen wird. Entsprechend will das Land seinen Atomstromanteil von heute 75 Prozent bis zum Jahr 2025 auf 50 Prozent senken.

Und noch eine Entwicklung dürfte die Atomkraft weltweit zunehmend bremsen: Selbst in jenen Ländern, in denen aktuell mit Nachdruck neue Atomkraftwerke gebaut werden – vor allem in China –, geht der Ausbau der erneuerbaren Energien bereits deutlich schneller voran als der Ausbau der Atomkraft. So erzeugte China im Jahr 2012 erstmals mehr Windstrom als Atomstrom.

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What They Say…

“The Report sets forth in painstaking detail the actual experience and achievements of nuclear energy around the world.”

Peter A. Bradford

Former commissioner
U.S. Nuclear Regulatory Commission (NRC)
(in his foreword to the 2013 report)
“A vital public service... Uniquely independent, thorough, and timely assessment."

Amory B. Lovins

Chairman, Rocky Mountain Institute
USA
“This annual publication has over 20 years evolved into the most reliable, strikingly original, comprehensive and penetrating assessment of the global nuclear industry.”

Praful Bidwai

Financial Chronicle
Delhi, India
"Amid the hype and PR, the smoke and mirrors, of the 'nuclear renaissance', the Status Report offers a hard-edged reality check."

Walt Patterson

Associate Fellow Chatham House
London, UK
“Fantastic piece of work. Must reading for any observer of nuclear energy."

Henri Sokolski

Executive Director Nonproliferation Policy Education Center
Washington DC, USA
“Reliable research based on cold, hard facts, unlike the hype and amnesia of industry sources.”

Scott Ludlam

Senator
Australia
“Félicitations pour la dernière édition du WNISR. Formidable comme d'habitude!”

Fulcieri Maltini

International Consultant Former Director of the Nuclear Safety Account, EBRD
Italy/France
“Thought-provoking as usual.”

Will Dalrymple

Editor Nuclear Engineering International
UK
"The authoritative report on the status of nuclear power plants worldwide is the World Nuclear Industry Status Report."

USAID

Bangkok, Thailand
“Such an illuminating report.”

Sam Geall

Deputy Editor China Dialogue
London, UK
"An astounding collection of facts and figures, a myth-busting international overview… An eye-opening piece of work!"

R. Andreas Krämer

Chairman Ecologic Institute
Berlin, Germany
“I really appreciate you letting us excerpt your report! It’s incredibly well researched and comprehensive, so thank you!”

Stuart Luman

Associate Editor Bulletin of the Atomic Scientists
USA